«International» befasst sich wöchentlich mit internationaler Politik und Gesellschaft. Seit 1978 am Radio und von Anbeginn auch online. Reportagen, Analysen und Geschichten zur internationalen Aktualität, meist erzählt von Auslandskorrespondenten und -korrespondentinnen von Radio SRF.
Schweizer Radio und Fernsehen (SRF)

In Dschenin im Westjordanland wachsen Kinder im Kreuzfeuer zwischen Palästinensern und Israeli auf. Das Freedom Theatre lehrt sie, ihre Gefühle mit Worten, statt Waffen auszudrücken. Damit gerät das Theater selbst ins Visier und wurde 2023 sogar zerstört. Trotzdem lässt es sich nicht mundtot machen.

Die Stadt Dschenin im Westjordanland ist ein Brennpunkt des Nahostkonflikts. Im Kreuzfeuer zwischen Palästinensern und Israeli entstand ein Theater, das den Waffen mit Worten entgegnete. Dafür wurde es zerstört. Aber tot ist das Theater noch nicht. International im Sommer – die Kurzreportage. Am 13. Dezember 2023 drangen israelische Soldaten ins Freedom Theatre Dschenin ein. Kurz danach verhafteten sie den Theaterdirektor Mustafa Sheta in einer grossen Militäroperation. «Die Soldaten kamen von allen Seiten, um mich zu verhaften: durch den Garten, sogar vom Dach, überall standen Jeeps: ich kam mir vor wie ein gesuchter Top-Terrorist, wie Osama Bin Laden.» Trotz internationaler Proteste von Kulturschaffenden: der Theaterdirektor verbrachte – ohne Anklage - fünfzehn Monate in israelischen Gefängnissen. Erst, als er am 13. März 2025 freigelassen wurde, erfuhr er: sein Theater gab es nicht mehr. Das Quartier, in dem es entstanden war: nur noch Schutt und Asche. Das palästinensische Freedom Theatre im Flüchtlingslager Dschenin, das ursprünglich von der jüdischen Menschenrechtsaktivistin Arna Mer-Chamis und ihrem Sohn Juliano gegründet worden war, schien endgültig tot. Mundtot ist das Theater aber, aller Gewalt zum Trotz, noch immer nicht. Es spielt wieder. Und bietet Kindern und Jugendlichen, die inmitten dieser Gewalt Eltern, Freunde, Geschwister und ihr Zuhause verloren haben, weiterhin einen Ort, wo sie ihre Gefühle ausdrücken können. Die Reportage über eine Reise zu einem Theater, das sich nicht mundtot machen lässt.

Es wird viel gemeckert bei unserem nördlichen Nachbarn. Nicht verwunderlich, es liegt ja auch vieles im Argen. Die Infrastruktur, die Wirtschaft – es läuft vieles nicht rund. Aber ist das Gemecker auch immer gerechtfertigt? Darüber spricht Deutschlandkorrespondentin Simone Fatzer im Talk.

Es klemmt gerade vielerorts in Deutschland. Der einstige Wirtschaftsmotor Europas stottert, die Infrastruktur bröckelt, die Bahn ist notorisch unzuverlässig und viele Handwerksbetriebe stehen mit dem Rücken zur Wand. Was also geht da noch? Und dank wem? Da sind die Bauarbeiter, die auch in der Sommerhitze die Autobahnen in Schuss halten. Die blöd angegangen werden. Und doch stolz darauf sind, dass sie ihren Job gemacht haben. Da ist der Bäckermeister, der trotz Krise des Handwerks tagtäglich in der Backstube steht, seine Schrippen bäckt und sich darüber wundert, warum in Deutschland so viel gemeckert und geklagt wird. Oder der Zugbegleiter, der nicht nur positiv denkt, sondern auch positiv ist. Und sagt: «Seien sie froh, dass der Zug fährt. Er könnte ja auch komplett ausfallen». Deutschland stottert, stagniert, aber bleibt nicht stehen. Denn: Leute wie sie halten mit ihrer Arbeit das Land am Laufen. Ihr Alltag ist manchmal schwierig, ihre Mitmenschen sind bisweilen respektlos. Doch, so sagt es ein Gewerkschafter: «Es macht weiterhin Spass». Aller Widerwärtigkeiten zum Trotz.

Donald Trump richtet das Justizministerium als Waffe gegen seine Gegner. Doch er wird teilweise ausgebremst: von Richterinnen und Richtern, aber auch von Geschworenengremien. USA-Korrespondent Andrea Christen dazu, wie normale Bürgerinnen und Bürger im Gerichtssaal ein Schutzschild sein können.

In seiner zweiten Amtszeit rechnet Donald Trump ab. Er verwandelt das Justizministerium in ein Werkzeug der Vergeltung, während er Anhänger und Verbündete begnadigt. Es ist unklar, ob sich der Rechtsstaat davon erholt. Trump macht keinen Hehl daraus, dass er auf Vergeltung aus ist. «Ich wurde gejagt, von sehr schlechten Menschen, aber jetzt bin ich der Jäger», sagte er im Mai. Trump, der erste US-Präsident der angeklagt und verurteilt wurde, sieht sich selbst als Opfer einer instrumentalisierten Justiz. Nun richtet er das mächtige Justizministerium seinerseits gegen seine Gegner. Er hat die traditionelle Unabhängigkeit der Bundesstaatsanwaltschaft aufgehoben und fordert die Strafverfolgung jener, die er zu seinen Feinden zählt. Verbündete, die verurteilt wurden, begnadigt er – auch jene, die am 6. Januar 2021 das Kapitol in Washington stürmten. «Es ist niederschmetternd, den Niedergang des Rechtsstaates mitansehen zu müssen», sagt Andrew Weissmann, der jahrelang ein führender Bundesstaatsanwalt war. Trump schafft eine Blaupause dafür, wie Präsidenten Strafverfolgungen für ihre Zwecke einsetzen können. Die Schutzmechanismen, welche Staatsanwälte von politischer Einflussnahme abschirmen sollten, haben sich als zu schwach erwiesen. «Wenn rechtsstaatliche Regeln einmal verletzt wurden, ist es schwierig, den Geist wieder in die Flasche zu bringen», sagt John Jones, ein ehemaliger Bundesrichter.

Brunei ist bekannt für prunkvolle Paläste, goldene Staatskarossen und die reiche Herrscherfamilie. Seit einigen Jahren gelten in Brunei strenge Scharia-Gesetze. Es drohen drakonische Strafen. Martin Aldrovandi hat Brunei bereist, im Talk erzählt er, wie die Menschen im kleinen Sultanat leben.

In Brunei lässt es sich gut leben: keine Einkommenssteuern, kostenlose Bildung und medizinische Versorgung. Der grosszügige Wohlfahrtsstaat ist jedoch eine absolute Monarchie mit strengen Scharia-Gesetzen. Sultan Hassanal Bolkiah ist der dienstälteste Monarch der Welt. Er regiert Brunei als absoluter Herrscher, lebt im grössten Palast der Welt und soll die grösste private Autosammlung besitzen. Den Reichtum verdankt das kleine Sultanat Öl- und Gasvorkommen. Auch die Einwohnerinnen und Einwohner profitieren davon: Sie müssen keine Einkommenssteuer bezahlen, Spitalbesuche und Schulen sind kostenlos. Für internationale Schlagzeilen und Empörung sorgte das Sultanat, als es vor einigen Jahren die Scharia verschärfte. Seither droht etwa Homosexuellen theoretisch die Todesstrafe durch Steinigung. In Brunei selbst fühlen sich viele vom Ausland missverstanden. Der pensionierte Saifful bringt es auf den Punkt: «Das Einzige, was den Menschen in Brunei fehlt, ist die Freiheit. Aber mehr Freiheit hat ihren Preis – was wir jetzt haben, ist gut genug.» Freiheit gegen Wohlfahrt: Für viele scheint der Tausch fair zu sein. Offene Kritik am System ist tabu.

Im Winter bezieht die Schweiz sehr viele Früchte und viel Gemüse aus dem Mittelmeer-Raum. Doch was geschieht, wenn die Trockenheit im Süden weiter zunimmt? SRF-Wissenschaftsredaktor Christian von Burg hat in Sizilien mit Bauern gesprochen, die nun kreative Lösungen suchen müssen.

Sizilien war schon für die Römer wichtig für die Ernährung. Bis heute, exportiert die grösste Insel Italiens nicht nur Getreide, sondern auch Zitronen, Orangen und viel Gemüse – auch in die Schweiz. Doch nun droht ein grosser Teil der ertragreichen Böden zur Wüste zu werden. Die höchste bisher in Europa gemessene Temperatur liegt bei 48,8 Grad Celsius. Gemessen wurde sie auf Sizilien. Im Sommer 2024 war die Dürre auf der Mittelmeerinsel so gross, dass die Bauern gezwungen waren, Tiere notzuschlachten und Zitrusbäume auszureissen. Der Klimawandel bedroht Sizilien als wichtige Kornkammer. Das Innere der Insel droht zur Wüste zu werden. 70 Prozent der Fläche sei betroffen, schätzt der italienische Forschungsrat. «Die Sahara dehnt sich aus gegen Norden», sagt Klimawissenschaftler Davide Faranda, «sie ist bereits in die südlichen Gebiete Europas eingezogen». Sizilien muss mit mehr Wetterextremen auskommen. Wie gehen die sizilianischen Bäuerinnen und Bauern mit dieser Situation um? Werden die Zitronen nun durch tropische Avocados ersetzt? Und woher beziehen Länder wie die Schweiz in Zukunft im Winter Gemüse und Früchte, wenn die Trockenheit im Mittelmeerraum weiter zunimmt?

In Israel leben mehrere Hunderttausend Beduinen, oft in prekären Verhältnissen: Eingepfercht in engen Wohnblocks in der Stadt Rahat etwa, oder staatlich nicht anerkannten Dörfern. Es ist oft ein Leben am Rande der Gesellschaft, wie ARD-Korrespondentin Bettina Meier erfahren hat.

Noch etwa 100‘000 Beduinen leben in Dörfern, die der Staat Israel nicht anerkennt, ohne Strom, Wasser und ohne Rechte. Und das, obwohl die Beduinen seit Generationen vor allem in der Negev-Wüste und im Jordantal leben. Doch ihre traditionelle Lebensweise und ihre Dörfer sind in Gefahr. Erst kürzlich drohte Israels Finanzminister Bezalel Smotrich damit, die Beduinengemeinde Khan al-Ahmar im besetzten Westjordanland räumen zu lassen. Nicht nur die Beduinen aus Khan al-Ahmar leben seit Jahren mit der Angst, vertrieben zu werden. Für die Familie Zayed ist das bereits Realität geworden. Jüdische Siedler überfielen ihr Heimatdorf im Jordantal, drangen in Häuser ein, bedrohten die Bewohner. Die Familie musste fliehen. Doch auch dort, wohin Israel die Beduinen zwangsumsiedeln will, gibt es keine Zukunft. Seit den 70er Jahren versucht der Staat, die Beduinen nach Rahat umzusiedeln. Die Stadt in der Negev-Wüste platzt aus allen Nähten. Der Staat hat die Bewohner vergessen. Besonders für die vielen jungen Beduinen, die in Rahat aufwachsen, ist die Situation kaum erträglich. Viele Junge fühlen sich abgehängt vom modernen Leben. Gleichzeitig identifizieren sie sich nicht mehr mit traditionellen Lebensweisen der Beduinen, sagt Sozialarbeiter Jamal Al-Kirnawi. Sein Motto: Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn Kinder verfeindeter Beduinenclans in Rahat gemeinsam Fussball spielen, kann das Brücken bauen, sagt er und zeigt, wie ein Fussballfeld zum Rückzugsort für junge Beduinen wird.

Jugendproteste haben im Herbst zu einem Regimewechsel in Madagaskar geführt. Das Durchschnittsalter in Madagaskar beträgt nur gerade 20 Jahre. Leonie March hat die junge Generation getroffen und mit ihr über ihre Zukunftsvisionen für das Land gesprochen.

Im Herbst 2025 hatten Proteste der jungen Bevölkerungsmehrheit, der GenZ, in Madagaskar zu einem Regimewechsel geführt. Auslöser war die Wasserkrise in dem südostafrikanischen Inselstaat. Eine militärgeführte Übergangsregierung verspricht nun Lösungen. Aber die Skepsis bleibt. Madagaskar hat schon viele Krisen und Regimewechsel erlebt. Es sei wie ein Land des ständigen Neuanfangs, der immer wieder scheitert, beschreibt Historiker Harilala Ranjatohery die Situation in seiner Heimat. Die GenZ-Proteste im letzten Herbst haben bei ihm jedoch leise Hoffnungen geweckt. Sie hatten sich zuerst am Thema Wasser entzündet - denn selbst in den Wohnungen der Hauptstadt Antananarivo kommt kaum ein Tropfen mehr, weil die öffentlichen Gelder für die Infrastruktur in korrupten Kanälen versickert sind. In den Provinzen führen Misswirtschaft und Klimawandel zu Dauerdürren, Hunger und chronischer Mangelernährung. Die neue militärgeführte Übergangsregierung hat grundlegende Reformen, ein Referendum und demokratische Wahlen 2027 versprochen. In der Protestbewegung jedoch wachsen Zweifel, ob diesen Versprechen auch Taten folgen. Einige junge Leute wollen nicht darauf warten, sondern arbeiten selbst an Lösungen, um die Krise zu lösen und Perspektiven zu schaffen.

Die USA, Kanada und Mexiko sind die Gastländer der Fussball-WM. US-Präsident Trumps Bemerkung, Kanada sollte der 51. Bundesstaat der USA werden, sorgt im WM-Austragungsort Toronto für Unmut, wie Barbara Colpi festgestellt hat.

Die USA, Kanada und Mexiko organisieren zusammen die Fussball-WM. Politisch bestimmt aber hauptsächlich einer die Spielregeln: US-Präsident Trump. Die Reportage aus den USA und Kanada. Eine Fussball-Nation sind die USA eigentlich nicht. Die Mainstream-Sportarten sind American Football, Baseball, Basketball und Eishockey. Fussball ist in erster Linie der Sport der Migrantenfamilien aus aller Welt. Diese haben den Fussball in die USA gebracht und sie fiebern der WM im Sommer am meisten entgegen. Zum Beispiel die Jugendlichen des Global FC in Kansas City, Missouri, in der «Fussballhauptstadt der USA». Unter die Vorfreude mischt sich auch Angst: das US-Militär und die gefürchtete Einwanderungsbehörde des US-Präsidenten Trump werden in den WM-Austragungsstätten Präsenz markieren und, so fürchten Nicht-Weisse, Eingewanderte, ob legal oder illegal im Land, festnehmen und sogar ausschaffen. Zwar will Trump die USA als Fussball-Gastland präsentieren, aber willkommen sind nicht alle: Fussballfans aus Haiti oder dem Iran, zum Beispiel. Auch im Gastland Kanada bestimmen die USA die Einwanderungs- und Sicherheitsbestimmungen, und die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern sind angespannt wie nie zuvor: wegen Trumps Zollpolitik, und weil der US-Präsident gedroht hat, Kanada zum 51. Bundestaat der USA zu machen. Zwischen Vorfreude, Anspannung und Angst: eine Reportage aus den Communities, welche den Fussball in Nordamerika prägen.

Sprache ist in Lettland definitiv keine Nebensache. Es herrscht erbitterter Streit um Sprache – russisch oder lettisch – und Fake News. Gleichzeitig misstraut fast die Hälfte der Bevölkerung jedem Medium. Peter Voegeli hat versucht, fast unlösbar grosse Probleme in einem kleinen Land zu entwirren.

Auf 107,7 FM in Riga ist nur noch Rauschen zu hören. Das russischsprachige Programm des öffentlich-rechtlichen Radios von Lettland wurde abgeschaltet. Obwohl ein Drittel der Bevölkerung in den eigenen vier Wänden russisch spricht. Russische Propaganda versucht die Lücke zu füllen. Die russische Sprache wird in Lettland zunehmend verdrängt. Seit anfangs Jahr gibt es keinen russischsprachigen Unterricht mehr in Lettlands Schulen. Und auf russischsprachige Bücher und Zeitschriften wird neu eine viermal höhere Mehrwertsteuer erhoben. Wer einen russischen Pass besitzt, muss seit Moskaus Angriff auf die Ukraine 2022 Grundkenntnisse in Lettisch nachweisen, eine Sicherheitsüberprüfung bestehen oder das Land verlassen. Lettland war in seiner Geschichte insgesamt nicht einmal 60 Jahre unabhängig, aber Lettisch existiert als eigene Sprache seit über tausend Jahren. Weltweit sprechen vielleicht 1,5 Millionen lettisch, in den Nachbarländern Russland und Belarus sind es 150 Millionen Russischsprachige. Anders als in der Schweiz definiert sich Lettland über die Sprache. Denn für Putin ist überall Russland, wo russisch gesprochen wird. Aber wie gewinnt das Land aber die Köpfe und Herzen der russischsprachigen Bevölkerung? Wie gewinnt der öffentlich-rechtliche Rundfunk LSM den Kampf gegen die russischen Fake News? In Lettland ist Sprache keine Nebensache. Im Gegenteil.

In Frankreich sind schon tausende «Bar-Tabacs» verschwunden. Verlieren die Dörfer ihre Seele, wenn diese sozialen Treffpunkte schliessen? Frankreichkorrespondentin Zoe Geissler erzählt von ihren Eindrücken in Lothringen und warum sich viele dort von der Hauptstadt im Stich gelassen fühlen.

Das «Bar-Tabac» ist eine französische Institution - Bar und Tabakladen in einem. Wenn diese Treffpunkte überleben sollen, müssen sie sich weiterentwickeln, sagen die Behörden und investieren in Transformation. Doch liegt die eigentliche Bedeutung nicht gerade darin, dass sie so bleiben «wie früher»? In manchen «Bar-Tabacs» hängt noch der abgestandene Rauch der Vergangenheit, als die Gäste zum wässrigen Café am Tresen selbstverständlich Zigaretten rauchten – und sie einfach auf den Boden warfen, bevor sie die nächsten anzündeten. «Bar-Tabacs» sind legendär, sie dienten als Filmkulisse, wurden besungen in Chansons - nicht wirklich gemütlich, aber entscheidend als sozialer Treffpunkt, der keine Reservierung verlangt und keine Kleiderordnung kennt. Doch die Französinnen und Franzosen rauchen weniger, das Sozialleben in den Dörfern verändert sich, tausende «Bar-Tabacs» sind verschwunden. Sind diese Lokale noch zu retten? Yann Collet, der Patron im «Café du Centre» in Lothringen versucht es mit Diversifizierung. Bei ihm gibt's neben Bier und Zigaretten nun auch Schweinsbäckchen mit Pommes und Päckliservice. Chunzi Ye, Patronne im «Étincelle» in Paris, setzte auf sanfte Renovation – sie hoffte, der Funke springe so auf die junge Generation über. Und tatsächlich, das «Étincelle» ist bis spätabends voll. «Die Jungen suchen Authentizität», sagt Joao, ein Stammgast. Im «Bar-Tabac» fänden sie sie.

Solarenergie ist in Spanien auf dem Vormarsch. Doch mit den Anlagen wächst auch die Skepsis, das hat Auslandredaktor Beat Vogt auf seiner Reise durch die Extremadura erfahren. Zu gross, zu hässlich seien sie, heisst es. Manche geben dem Solarstrom gar die Schuld am grossen Stromausfall von 2025.

Viel Sonne und viel Land: Dank idealer Voraussetzungen für Solaranlagen könnte die westspanische Region Extremadura die Vorzeigeregion für die Energiewende sein. Doch die riesigen Anlagen wecken Widerstand. Und ausgerechnet im Solarparadies kämpfen Dörfer wieder für Atomkraft. In der Extremadura lohnt es sich mehr als anderswo, Solarenergie zu nutzen: die Sonne scheint an gegen 300 Tagen im Jahr. Tatsächlich steht in der Region bereits der grösste Solarpark Spaniens, der bald Strom für rund eine halbe Million Haushalte produzieren wird. Doch viele Einheimische stören sich an den gigantischen Anlagen, sie verschandelten die Natur und nähmen der Landwirtschaft den Raum weg. «Sollen wir künftig Solarpanels essen?», fragt eine Frau aus Almaraz. Sie möchte stattdessen, dass das über 40 Jahre alte Kernkraftwerk in ihrem Dorf noch weiter betrieben werden darf – obschon dessen Schliessung beschlossen ist. Viele Spanierinnen und Spanier würden ihr zustimmen. Die Kernkraft hat wieder stark an Popularität gewonnen. Der Ausbau der Solarenergie geht derweil unvermindert weiter. Ihr Anteil an der spanischen Stromproduktion hat in den letzten Jahren sprunghaft zugenommen. International – aus der Extremadura, im Spannungsfeld der spanischen Energiewende.

Rund zehn Prozent aller Tibeterinnen und Tibeter im Exil leben in Nepal. Doch ihr Leben dort ist schwierig, China betrachtet sie als Terroristen. Im Talk erzählt Südasienkorrespondentin Maren Peters wie die tibetische Gemeinschaft überwacht wird und warum kaum jemand darüber reden will.

Vor knapp 70 Jahren wurde das unabhängige Tibet von China besetzt. Zehntausende Tibeterinnen und Tibeter flohen ins Ausland. Die zweitgrösste Exil-Gemeinde lebt heute in Nepal. Sie hat wenig Rechte und wird streng überwacht. Dahinter steckt China, das die Flüchtlinge als Terroristen betrachtet. Dolma ist frustriert. Die 48-jährige Tibeterin fühlt sich auf Schritt und Tritt überwacht. «Sogar wenn wir nur kleine kulturelle oder religiöse tibetische Feste feiern, sind immer zwei oder drei Polizisten dabei.» Denn die Flüchtlinge sind in Nepal nur geduldet. Dolma, die in Wirklichkeit anders heisst, lebt mit ihrem Mann in einem Flüchtlingslager in der nepalesischen Touristenstadt Pokhara. Vor dem Eingang hängen Überwachungskameras. In dem Lager lebten einmal 900 Menschen, heute sind es nicht einmal mehr halb so viele. Denn viele junge Tibeterinnen und Tibeter, auch Dolmas Töchter, sehen keine Zukunft in Nepal und sind ins Ausland gezogen. Ihr Gastland Nepal weigert sich schon seit den 1990er Jahren, die Tibeterinnen und Tibeter als Flüchtlinge anzuerkennen. Die meisten haben daher keine Ausweis-Dokumente, die Jüngeren nicht einmal eine Geburtsurkunde. Als Folge können sie keine Arbeit finden, kein Bankkonto eröffnen, keinen Führerschein machen und auch nicht reisen, zumindest nicht legal. Die Tibeter werden in Nepal unterdrückt, weil China Angst vor Aufständen hat. Nepal hilft, weil das arme Land abhängig von Chinas Wirtschaftshilfe ist.

Transnistrien gilt den einen als russisches Einfallstor, andere sehen es als sowjetisches Freilichtmuseum. Im Talk erzählt SRF-Auslandredaktor Janis Fahrländer von seinen Eindrücken aus dem Staat, den es nicht gibt, und wieso der Alltag dort schwieriger wird.

Die Republik Moldau ist täglich russischen Aggressionen ausgesetzt: Verletzungen des Luftraums, Schäden an der Infrastruktur oder Desinformationskampagnen. Doch Moldau wehrt sich und will endgültig weg von der russischen Einflusszone – hin zur EU. Moldaus Regierung fährt einen kompromisslosen Westkurs. Innert kürzester Zeit hat sie die wirtschaftlichen Verbindungen zu Russland gekappt und die Abhängigkeit vom russischen Gas beendet. Stattdessen soll das Land bis 2030 EU-Mitglied werden. Eine Mehrheit im Land unterstützt diese Politik. Sie fühlt sich aktiv von Russland bedroht. Denn der Ukraine-Krieg ist in Moldau allgegenwärtig: Sei es durch abgestürzte Drohnen im Grenzgebiet oder Problemen in der Energieversorgung, weil Russland Stromleitungen in der Ukraine angreift. Von der EU erhofft sich das Land besseren Schutz. Doch Russland will dies verhindern. Experten sprechen von einem hybriden Krieg, den das Land gegen Moldau führt. Von Stimmenkauf bis zu Desinformationskampagnen unternimmt der Kreml einiges, um Moldau in der eigenen Einflusszone zu behalten. Russlands Propaganda fällt dabei teilweise auf fruchtbaren Boden. Weiterhin gibt es starke Stimmen im Land, die gegen eine Abkehr von Russland sind. Hinzu kommt noch die abtrünnige Region Transnistrien, die weiterhin stark von Russland abhängig ist. Sie ist einer von mehreren möglichen Stolpersteinen auf dem Weg in die EU.

Die wegen eines Vulkanes evakuierte isländische Stadt Grindavík soll wiederauferstehen. SRF-Nordeuropakorrespondent Bruno Kaufmann hat sich vor Ort einige Tage in einem Gästehaus eingemietet. Im Talk erzählt er von den starken Frauen Islands, die im Umgang mit den Naturgefahren den Ton angeben.

Die Hafenstadt Grindavik wurde wegen eines drohenden Vulkanausbruchs evakuiert. Ein Lehrstück im Umgang mit der Natur. Die Reportage. Grindavik ist eine der wichtigsten Hafenstädte Islands. Ganz in der Nähe liegt die Blaue Lagune, eine berühmte Touristenattraktion. In den letzten zweieinhalb Jahren haben Lava-Ströme grosse Teile des Gemeindegebietes verschüttet. Die Bevölkerung wurde evakuiert. Nun kämpfen sich die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt langsam zurück. Was in Grindavik passiert, könnte für andere Weltregionen lehrreich sein, die ebenfalls mit Naturgewalten zu kämpfen haben. Nach der Evakuierung der Hafenstadt ersetzte der Staat den Gemeinderat durch ein Technokraten-Gremium und kaufte den Evakuierten ihre Häuser zum Marktwert ab: damit sie sich anderswo etwas kaufen konnten. Und der isländische Staat investierte viel Geld in die Erneuerung der beschädigten Infrastruktur in die Hafenstadt, um sie am Leben zu erhalten. Kann die Rückkehr der Bevölkerung nach Grindavik verantwortet werden? Vom Vulkan geht weiterhin Gefahr aus. Die Stadt aufzugeben, würde eine Gemeinschaft für immer zerstören. Noch nie musste in Island eine ganze Stadt evakuiert werden. Der Umgang mit der vulkanischen Gefahr ist deshalb ein Lehrstück für das Land selbst, das sich die Frage stellen muss: Was ist ein akzeptables Risiko?

Die radikal-islamistischen Taliban haben Afghanistan in einen totalitären Gottesstaat umgewandelt. ARD-Korrespondent Peter Hornung hat das Land besucht und festgestellt, dass es für ihn als ausländischen Journalisten einfacher ist, sich frei im Land zu bewegen als für manche Einheimische.

Gut vier Jahre nach der Machtübernahme der Islamisten in Afghanistan zeigt sich: Die Taliban sind kein homogener Block. Zwischen dem extremistischen und dem pragmatischeren Lager schwelt ein Konflikt. Die Taliban haben ein neues Afghanistan geschaffen. Das Land am Hindukusch ist im fünften Jahr ihrer Herrschaft deutlich vorangekommen auf dem Weg zu einem totalitären Gottesstaat. Vor allem in den Städten herrscht die Angst, vor den Patrouillen der Sittenpolizei und dem allgegenwärtigen Geheimdienst. Gleichzeitig jedoch wird immer wieder klar: Die Taliban sind keine homogene Gruppe, es gibt deutliche Brüche zwischen den Pragmatikern in der Hauptstadt Kabul und den besonders Radikalen im südafghanischen Kandahar. Dort sitzt nämlich der geheimnisvolle Emir, der die oberste Autorität im Land darstellt. Er hat eine weitgehende Blockade des Internets angeordnet, er verbannt Mädchen von den Schulen und Frauen von den Universitäten. Doch seine Dekrete werden regelmässig von gemässigteren Regime-Vertretern sabotiert. Wohin also steuert das Land der Taliban?

Seit einer Weile spricht US-Präsident Donald Trump davon, Kuba einzunehmen. Der Inselstaat in der Karibik ist immer noch geprägt von einem revolutionären Sozialismus. Aber auch von Mangel allüberall. Im TALK erzählt Anna Lemmenmeier wie der Alltag der Menschen auf Kuba aussieht.

Die Beziehungen zwischen den USA und Kuba waren noch nie konfliktfrei. Doch nun sinniert US-Präsident Donald Trump sogar darüber, Kuba «einzunehmen». Kuba, diesen sozialistischen Inselstaat, auf dem jegliche Revolutionsromantik verblasst und Mangel an allem allgegenwärtig ist. Ein Augenschein. «Der Sozialismus und der Kommunismus sollten verboten werden». Aida hat genug von Propaganda und schönen Worten ihrer Regierung. Denn während Kader der kommunistischen Partei ein angenehmes Leben führen, ist ihr Alltag geprägt von Mangel: Strommangel, Lebensmittelmangel, Medikamentenmangel, und das wenige, dass es zu kaufen gibt, ist viel zu teuer. So wie Aida ergeht es den meisten in Kuba. Die «Perle der Karibik», wie der Inselstaat auch genannt wird, hält für seine Bevölkerung einen harten Alltag bereit. Seit dem de facto Öl-Embargo, das die USA Anfang Jahr über das Land verhängt haben, hat sich die Lage noch verschlimmert. Die Infrastruktur zerfällt weiter, wer laut dagegen aufmuckt, kommt ins Visier der Behörden. Doch die Kubanerinnen und Kubaner sind Meister im Manövrieren des Alltags zwischen Propaganda, Planwirtschaft und Repression. Mit beeindruckendem Pragmatismus, Kreativität und einer gehörigen Portion Humor hoffen sie darauf, dass sich endlich etwas ändert.

Der Altkleiderberg wächst und wächst. Für «International» hat sich SRF-EU-Korrespondent Charles Liebherr auf Recycling-Höfen durch weggeworfene «Ultra Fast Fashion» aus China gewühlt und Rat gesucht bei cleveren Mode-Schöpferinnen in Brüssel und Paris, die einen Gegentrend setzen wollen.

In der EU besteht die Pflicht, Altkleider zu sammeln. Die Flut von billigen Textilien aus China macht das Recycling unrentabel. Textilien in Altkleider-Container zu werfen, scheint umweltfreundlich. Doch die Realität ist ernüchternd: Pro Jahr entsorgt jede Person in der Europäischen Union im Schnitt 16 Kilogramm Textilien, aber nur 15 Prozent davon werden gesammelt – trotz gesetzlicher Pflicht. Die Niederlande sind mit einer Sammelquote von 50 Prozent führend, aber selbst dort brechen die Preise für Altkleider ein. Das gefährdet soziale Projekte, die durch den Verkauf finanziert werden. Das Unternehmen «Sympany» versucht durch Automatisierung die Kosten um 80 Prozent zu senken, doch Billigkleider aus China (v. a. von Shein und Temu) überfluten den Markt. Diese minderwertigen, synthetischen Kleidungsstücke sind oft nicht recyclebar und landen im Müll. Die Kosten trägt die Entsorgungsbranche, während die Preise für Alttextilien weiter fallen. Die EU findet keine Antwort auf die Billigstkultur. Der Boom von «Ultra-Fast-Fashion» untergräbt das Recycling-System und verschärft die Krise. Nur wenn keine Anreize zur Überproduktion mehr bestehen, kann sich das ändern.

Wenn chinesische Firmen in Ungarn neue Fabriken eröffnen, wird die lokale Bevölkerung kaum informiert. Selbst wenn etwas schiefläuft, wird spät kommuniziert. Osteuropakorrespondentin Judith Huber erzählt im Talk, wieso mittlerweile viele der eigenen Regierung nicht mehr trauen.

Unter Viktor Orban hat sich Ungarn bewusst gegenüber China geöffnet. Mit Erfolg: Kein anderes Land in der EU erhält so viele chinesische Investitionen. Chinesische Firmen bauen Fabriken für Batterien und E-Autos. Doch viele fürchten Umweltschäden und eine ökonomische Sackgasse. Das Dorf Mikepercs wäre eigentlich eine Idylle. Doch hier baut eine chinesische Firma gleich mehrere Batteriefabriken. Anwohnerin Eva Komza fürchtet sich vor Umweltschäden. Eine bereits eröffnete Fabrik, ebenfalls von einer chinesischen Firma betrieben, hat den Dorfbach verschmutzt. Die Lokalen Behörden ignorierten die Umweltschäden allerdings lange Zeit. Eva Komza ist daher überzeugt: «Die Behörden arbeiten nicht für uns, sondern für die internationalen Firmen». Weitere Beispiele ausländischer Firmen, die jahrelang für schwere Umweltschäden verursachten, nähren das Misstrauen in der Bevölkerung. Hinzu kommt der hohe Wassert- und Stromverbrauch der Produktion in einem Land, das zunehmend mit Wasserknappheit zu kämpfen hat und von ausländischer Energie abhängig ist. Doch auch Wirtschaftsexperten und -expertinnen sind skeptisch. Die Produkte, welche die Fabriken herstellen, werden in Ungarn nur zusammengesetzt. Die Einzelteile, und damit auch ein Grossteil der Wertschöpfung, kommen aus China. Ein Wissenstransfer findet kaum statt. Ungarns Wirtschaft profitiere daher langfristig nicht davon, sondern begehbe sich nur in weitere Abhängigkeiten. Das Misstrauen gegenüber der Regierung, das sich am Beispiel der chinesischen Fabriken zeigt, spiegelt sich auch in den Umfragewerten nieder. Langzeit Premierminister Orban liegt hinter Oppositionsführer Peter Magyar zurück. Die von den Fabriken ausgelösten Umweltprobleme sind Teil des Wahlkampfes für die Wahlen im April, die Victor Orban nach 16 Jahren das Amt kosten könnten.

Jeder zweite Grieche lebt in Athen oder Thessaloniki. Zurück in den Dörfern bleiben meist die alten Menschen. Im TALK erzählt die freie Journalistin Rodothea Seralidou von einer Gegend, in der der Bevölkerungsrückgang tiefe Spuren hinterlassen hat - eine Gegend, die sie seit ihrer Kindheit kennt.

“To Dimografikó”- das demographische Problem- beschäftigt die griechische Bevölkerung und Politik. Die Griechinnen bekommen immer weniger Kinder, die Bevölkerung geht rasant zurück. Gleichzeitig verlassen junge Menschen die Dörfer; zurück bleiben oft nur noch die Älteren. Die Geburtenrate in Griechenland sinkt seit Jahrzehnten: mit 1,3 Kindern pro Frau ist sie eine der tiefsten Europas. Doch seit 2011 gibt es in Griechenland mehr Todesfälle als Geburten. Das ist auch in anderen europäischen Ländern der Fall, auch in der Schweiz. Trotzdem wächst hierzulande die Bevölkerung - dank der Einwanderung. In Griechenland aber wandern mehr Menschen aus als ein: Hunderttausende sind allein in den Jahren der griechischen Finanzkrise weggezogen, darunter viele Frauen im gebärfähigen Alter. Hinzu kommt: Die griechische Bevölkerung ist ungleichmäßig im Land verteilt. Die Hälfte der Griechinnen und Griechen wohnt im Großraum Athen und Thessaloniki. In den Dörfern hingegen gibt es weder Jobs noch die nötige Infrastruktur für Familien mit Kindern. Die konservative griechische Regierung will nun das demographische Problem anpacken: Ein 20-Milliarden schweres Maßnahmenpaket soll dazu führen, dass griechische Paare wieder mehr Kinder bekommen. Und sie gibt Anreize, damit Griechinnen und Griechen aus den Städten in die Dörfer ziehen. Doch anders als in China beispielsweise sind die Massnahmen der Regierung sanft. Können sie die Wiege Europas vor dem Aussterben retten? SRF International: Geburtenrückgang in China:

Unser Chinakorrespondent Samuel Emch staunte nicht schlecht, als der Kindergarten seiner Kinder von einem Tag auf den anderen dichtmachte. Das Symptom für die Geburtenkrise in China nahm er zum Anlass zu erforschen, wie die Behörden damit umgehen.

Jahrzehntelang galt die strikte Ein-Kind-Doktrin. China fürchtete sich vor Überbevölkerung. Doch inzwischen ist alles anders. Die Bevölkerung schrumpft und die Behörden versuchen, Frauen zum Gebären zu motivieren. Auch mit unzimperlichen Methoden. China hat eine der tiefsten Geburtsraten der Welt. Laut Demographen kommen auf jede Chinesin durchschnittlich nur noch 0.9 Kinder. Das ist weniger als in den geburtenschwachen südeuropäischen Ländern. Und weit entfernt von den 2.1 Kindern, die nötig wären, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Die Angst vor dem Bevölkerungsschwund hat dazu geführt, dass der Staat in den letzten Jahren den Druck auf junge Frauen stetig erhöht hat. Sie sollen wieder mehr Kinder auf die Welt bringen. Inzwischen heisst die offizielle Losung Drei-Kind-Politik. Die Behörden setzen auf Anreize, locken etwa mit Geburtenzulagen und Kindergeld. Doch sie scheuen auch nicht vor direkter Einflussnahme zurück. Verhütung wurde verteuert, frisch verheiratete Frauen bekommen Anrufe von Parteikadern, die sich erkundigen, wann sie endlich schwanger würden. Viele moderne Chinesinnen aber entziehen sich der staatlich verordneten Familienförderung. Sie wollen sich nicht in die traditionelle Hausfrauen- und Mutterrolle zurückdrängen lassen.

1,3 Millionen Menschen leben und überleben in Charkiw, obwohl die Stadt in der Ostukraine in Reichweite der russischen Artillerie liegt. Wie organisieren sich die Menschen? Und wie organisiert man eine Reise dorthin? Auslandredaktor Peter Voegeli hat eine originelle Lösung gefunden.

1,3 Millionen Menschen wohnen in Charkiw, das in Reichweite der russischen Artillerie liegt. Die Stadt überlebt vor allem durch das Engagement der Zivilgesellschaft und eine enge Verzahnung von Behörden und privaten NGOs. Der ukrainische Ansatz gilt als Modell weltweit. Als Russland vor vier Jahren versuchte, die Ukraine mit einem raschen Angriff zu überwältigen, drangen russische Truppen bis in die Stadt Charkiw vor und konnten erst nach heftigen Strassenkämpfen zurückgeschlagen werden. Von den rund 2 Millionen Einwohnern blieben zunächst nur 300 000 Zivilisten in der Stadt zurück. Inzwischen sind wieder 1,3 Millionen Menschen in Charkiw. Wie überlebt eine Millionenstadt in Frontnähe? Das ukrainische Rezept beruht auf einer engen Vernetzung von Behörden und Zivilgesellschaft. Zahlreiche NGOs übernehmen Aufgaben, die eigentlich staatlich sind. Das NGO «Relief Coordination Centre» beispielsweise organisiert die Evakuierung von Flüchtlingen und ihre Unterbringung in der Stadt. Es hat eine interaktive Karte der Region erstellt, die Auskunft über Bevölkerung, Infrastruktur, Nahrungsmittel gibt und eine zielgenaue Hilfe ermöglicht. In der Region Charkiw sind dreitausend private NGOs registriert, in der Ukraine sogar über zehntausend. Charkiw gilt als Vorbild für die Ukraine und die Ukraine als Modell weltweit. Experten sagen, der Ukrainekrieg habe nicht nur die Kriegsführung grundlegend verändert, sondern auch die Art der humanitären Hilfe.