Themenvertiefung und Hintergrundinformationen zu menschlichen Grunderfahrungen, über Glaube, Zweifel, Glück. Anregungen zum Nachdenken und Orientierungshilfen in unserer pluralistischen Welt.
Schweizer Radio und Fernsehen (SRF)

Seit jeher erzählen Menschen Geschichten über den Ursprung und das Ende der Welt. Die Wissenschaft liefert heute viele Erkenntnisse dazu. Der deutsche Astrophysiker Heino Falcke beschreibt diese «grosse Geschichte» in seinem neuen Buch «Zwischen Urknall und Apokalypse». Vor sechs Jahren war Heino Falcke massgeblich an der ersten Fotografie eines Schwarzen Loches beteiligt. Nun nimmt er die Leserschaft mit auf eine atemberaubende Reise durch Raum und Zeit, in der für ihn das göttliche in all den kleinen und grossen Wundern des Kosmos immer wieder aufblitzt. Denn: Heino Falcke ist nicht nur Forscher, er ist auch gläubiger Christ. Für ihn stehen Wissenschaft und Glaube nicht im Widerspruch – im Gegenteil. Wer sich mit dem Anfang und einem möglichen Ende unseres Universums auseinandersetzt, stösst zwangsläufig an die Grenzen des Wissbaren: Was war vor dem Urknall? Woher kommen die Naturgesetze? Hört das Universum irgendwann auf zu existieren? Kulturredaktor Igor Basic sucht in dieser Perspektiven-Sendung Antworten auf diese Fragen. Autor: Igor Basic

«Früher» waren Pfarrer im TV-Krimi noch die Guten: Pater Brown und Schwester Camilla überführten ihre Mörder zuverlässig humorvoll in 45 Minuten. Aber heute werden religiöse Figuren oft zwielichtig gezeichnet und rasch zu Tatverdächtigen. Theologe Beat Föllmi hat den Vorabendkrimi «obduziert». Eigentlich ist der Schweizer Beat Föllmi Professor für Kirchenmusik an der Universität Strassburg. Aber der reformierte Theologe ist eben auch Fan zeitgenössischer Kultur. Rund 900 Serienfolgen deutschsprachiger Vorabend-Krimis hat er sich reingezogen. Er zeigt, dass religiöse Menschen darin fast nur noch stereotyp auftreten, wenn überhaupt. Unheimlich, wahnsinnig oder / und betrügerisch kommen Sekten, Esoterik-Konzerne und super-fromme Milieus in TV-Krimis vor. Beat Föllmi hat das alles in einer Studie untersucht. Was sagt sein Befund über das Image von Religion und Kirche insgesamt - in der Mitte der Gesellschaft? Der Träger des Schweizer Krimipreises 2025 Raphael Zehnder erklärt, warum es Religion in Krimis schwer hat. Und die christkatholische Diakonin und Literaturwissenschaftlerin Susanne Cappus outet sich als entspannte Krimileserin. Religion funktioniere im Krimi eben meist nur durch Überzeichnung. Autorin: Judith Wipfler Buchhinweis: Beat Föllmi, Kruzifix und Geisterbeschwörung. Religion in deutschen Vorabendkrimis, Aschendorff Verlag, Münster 2023.

Mit feisten roten Wangen pusten sie in Posaunen und Trompeten oder singen im Chor: die Engel. Jenseits vom Weihnachtskitsch entdeckte der Luzerner Theologe Wolfgang W. Müller: «Wo von Engeln gesprochen wird, ist von Musik die Rede.» Musik ist also nicht nur eine horizontale Brücke zwischen Menschen, Kulturen und Religionen. Musik schlage auch eine vertikale Brücke hoch zum Himmel, zur Transzendenz. Wer, wenn nicht die Engel, könnten dies ganz wunderbar versinnbildlichen: diese Mittlerwesen zwischen Himmel und Erde. Ihre Botschaften zu verlautbaren, dazu eignen sich Posaunen und Trompeten vorzüglich. Oder haben Sie schon mal eine Barockkirche ohne musizierende Putti gesehen? Die theologische Tiefendimension von Musik beschäftigt den emeritierten Dogmatikprofessor und Dominikaner Wolfgang W. Müller schon sein langes Forscherleben lang: «Engelsmusik erlaubt einen niederschwelligen Zugang zu Fragen der Religion und des Glaubens und hat überdies eine interreligiöse Dimension.» Der anhaltende «Engelboom» sei ihm jedoch eher ein Anstoss. Denn Engel würden heute – etwa in der kommerziellen Werbung - allzu oft «in der Immanenz aufgelöst», bedauert er. Dabei komme im Engelskonzert doch beides zusammen: Musik und Religion. Und beide - Musik und Religion – vermögen es, über das Unaussprechliche zu sprechen. Autorin: Judith Wipfler Buchhinweis: Wolfgang W. Müller, Musik der Engel. Eine Kulturgeschichte, Schwabe Verlag, Basel 2024.

Enzo Enea ist ein international bekannter Schweizer Landschaftsarchitekt. Auf dem Gelände des Klosters Mariazell betreibt er in Rapperswil-Jona das weltweit einzige Baummuseum. Äbtissin Monika Thumm und Enzo Enea unterhalten sich über die Philosophie der Bäume, Nachhaltigkeit und Spiritualität. Der Landschaftsarchitekt Enzo Enea gehört zu den renommiertesten Vertretern seines Fachs weltweit. Er erstellt Parkanalgen in London, New York, Istanbul oder São Paulo und gestaltet Gärten für Private. Aus dem Einmannbetrieb seines Vaters hat er das international tätige Unternehmen «Enea Landscape Architecture» für Landschaftsarchitektur und Gartenbau mit 240 Mitarbeitenden und Filialen in Zürich, New York, Miami und Mailand entwickelt. In seiner Arbeit kombiniert Enzo Enea Landschaft und Gartenbau mit Architektur und Kunst. Im Jahr 2010 hat Enzo Enea in Rapperswil-Jona ein Baummuseum eröffnet. Auf 75'000 Quadratmetern pflanzt er alte und seltene Bäume. Im Baummuseum sind auch zeitgenössische Kunstwerke zu bewundern, eingebettet in Natur und Garten. Äbtissin Monika Thumm lebt seit 40 Jahren im Kloster Mariazell in Wurmsbach am oberen Zürichsee. Sie steht seit dem Jahr 2000 als Äbtissin der Gemeinschaft vor. Das Zisterzienserinnenkloster existiert seit 1259. Bis heute führen die acht Schwestern ein Leben in Stille und Kontemplation. Sie verstehen ihr Kloster gleichzeitig als Ort der Begegnung. Die Schwestern pflegen besonders den Gesang und die Liturgie und singen auch Lieder, die Äbtissin Monika Thumm komponiert hat. In «Perspektiven» begegnen sich Enzo Enea und Äbtissin Monika Thumm und sprechen über ihre Lebensprojekte und Lebensphilosophie. Autor: Norbert Bischofberger

Was wäre, wenn Jesus das Down-Syndrom gehabt hätte? Und wie wäre Gott, wenn er in einem mundgesteuerten Rollstuhl sässe? Die «Theologie der Behinderung» wechselt die Perspektive und denkt Gott verletzlich. Sarah Staub hat eine Erbkrankheit, durch die sie viele Schmerzen hat. Als sie die Diagnose erhielt, hat sie sich vertieft mit dem Thema Behinderung befasst und stiess auf das Buch «Der behinderte Gott» von Nancy Eiesland. Es ist zum Standardwerk einer «Theologie der Behinderung» geworden. Eiesland plädiert für neue Symbole, damit Menschen mit Behinderung sich mit der Kirche identifizieren und versöhnen können. Sarah Staub erzählt in «Perspektiven», warum sie die Theologie der Behinderung so hilfreich findet. Warum sie Heilungsgebete problematisch findet. Und weshalb dieser Zugang ihr hilft, wieder an Gott zu glauben. Erica Brühlmann-Jecklin ist stark geh- und sehbehindert und seit Jahrzehnten aktiv für die Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen. Als Kind erlebte sie, wie ihr Bruder, der eine geistige Behinderung hatte, «klammheimlich» konfirmiert wurde, abseits der Gemeinde. «Da stimmt etwas nicht», dachte sich Erica Brühlmann-Jecklin damals. Und setzte sich zeitlebens für Gerechtigkeit ein. Eine spezielle Theologie der Behinderung bräuchte es dafür aber nicht, sagt sie. Werner Schüssler hat eine Tochter mit Down-Syndrom. Der Professor für Existenzphilosophie stiess vor vielen Jahren auf Nancy Eieslands Buch «The disabled God». Und er beschloss, es ins Deutsche zu übersetzen. In «Perspektiven» erzählt er von seiner persönlichen Motivation zu so viel nebenberuflichem Effort. So wie andere Befreiungstheologien Gott arm, queer, of colour oder als Frau denken, denkt die Theologie der Behinderung Gott behindert. Wir fragen nach: Kann man mit Gott alles machen? Und was bringt das? Autorin: Dorothee Adrian Erstausstrahlung: Sonntag, 26.02.2023

Wer sich mit einem abgewiesenen Asylgesuch weiterhin in der Schweiz aufhält, erhält Nothilfe, ein paar Franken pro Tag, und ist in sogenannten Rückkehrzentren untergebracht. Gerade für Kinder und Jugendliche, die länger als ein Jahr unter diesen Bedingungen leben, ist dies eine schwierige Situation. Die Iranerin Firoozeh Myiander kam 2022 in die Schweiz. In ihrer Heimat engagierte sie sich gegen das Regime und floh mit ihrem Mann und Kind hierher. Der Antrag auf Asyl lehnte das Staatssekretariat für Migration SEM ab. Zurück in den Iran können und wollen sie derzeit nicht. Daher lebt die Familie seit mehr als einem Jahr in der Nothilfe, im Rückkehrzentrum Aarwangen im Kanton Bern. Während den Eltern von Gesetzes wegen eine Arbeitstätigkeit untersagt ist, darf der 11-jährige Sohn die Volksschule besuchen. Doch die Unsicherheit und Angst in der Langzeit-Nothilfe schade der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Zu diesem Schluss kam vor rund einem Jahr eine Studie, die die Eidgenössische Migrationskommission in Auftrag gegeben hatte. Schweizweit lebten Ende 2024 rund 449 Kinder in der Nothilfe, etwas mehr als die Hälfte bereits länger als drei Jahre. In «Perspektiven» erzählt Firoozeh Myiander von ihrem Alltag. Der reformierte Pfarrer Daniel Winkler aus Riggisberg berichtet von kirchlichem Engagement rund um die Rückkehrzentren. Und der FDP-Politiker Andreas Hegg aus dem Kanton Bern sagt, warum seiner Einschätzung nach die Behörden bereits genug für abgewiesene Asylsuchende tun. Autorin: Léa Burger

In Simbabwe gibt es gerade einmal 19 Psychiater – aber mehr als 4000 Grossmütter, geschult in den Grundlagen der Gesprächstherapie. Auf einfachen Holzbänken bieten die «Gogos» niederschwellige Hilfe bei psychischen Problemen an. Kann Psychotherapie so funktionieren? Dixon Chibanda ist Psychiater in Harare, der Hauptstadt Simbabwes. 2005 erhält er einen Anruf. Es ist die Mutter von Erica, einer seiner Patientinnen. Erica habe sich das Leben genommen. «Jeder Suizid ist ein Albtraum», sagt Chibanda. Doch dieser traf ihn besonders tief. Ericas Zustand hatte sich seit längerem verschlechtert, und sie hatten vereinbart, dass sie so bald wie möglich zu ihm in die Klinik kommen sollte. In der Zwischenzeit lebte Erica jedoch 200 Kilometer von Harare entfernt. Reflexartig fragte er die Mutter: «Warum seid ihr nicht wie vereinbart zu mir gekommen?», erinnert sich Chibanda. Die Antwort der Mutter war knapp: «Wir hatten kein Geld für die Busfahrt.» Ein Satz, der bei Dixon Chibanda nachhallte. «Was ist meine Rolle als Psychiater in einem der ärmsten Länder der Welt?» Chibanda wusste: «Wir müssen Psychotherapie neu denken. Wir müssen die Therapie raus aus den Kliniken und zu den Leuten bringen.» So entstand die Idee mit den Grossmüttern, die auf einfachen Holzbänken, dem «Friendship-Bench», in ihren jeweiligen Communities Gesprächstherapie anbieten. Wie funktioniert das? Autorin: Anna Jungen

Wer pilgert, muss nicht katholisch sein. Den Weg zu sich, zurück zur Natur oder auch zu Gott nehmen unterschiedlichste Menschen unter die Füsse. Während der Jakobsweg schon unter «Over-Pilgerism» leidet, bietet die Schweiz noch Orte stiller Einkehr. Ein Besuch beim Bruder Klausen Kaplan in Sachseln. Nahe der Klause von Niklaus von Flüe wirkt Bruder-Klausen-Kaplan Ernst Fuchs. Er erzählt von der Diversität seiner Gäste und zeigt, wie aus dem einst patriotisch vereinnahmten und stramm katholischen Ranft ein weltoffener Anziehungspunkt für Suchende jeglicher Couleur geworden ist. Bruder Klaus gehöre allen. Heute kommen auch Sufi-Scheichs, reformierte Pfarrer und Naturreligiöse zu Fuss hierher. Pilgern, das heisst aber auch Schwitzen, Blasen an den Füssen und sich physisch auspowern, um den Kopf frei zu kriegen. Genau das spricht – anders als viele andere spirituelle und kirchliche Angebote –besonders auch Männer an. Im Gespräch mit Wallfahrtspfarrer Ernst Fuchs ergründen wir den anhaltenden Trend zum Pilgern. Autorin: Judith Wipfler

Pierbattista Pizzaballa ist eine der wichtigsten christlichen Stimmen im Nahen Osten. Der Franziskanermönch und polyglotte Theologe wurde gar als papabile gehandelt. Er wollte aber im Nahen Osten bei den leidgeprüften Menschen bleiben. Und versucht, den Dialog aufrechtzuerhalten. Die Universität Freiburg i.Ü. verleiht Kardinal Pierbattista Pizzaballa den Ehrendoktor in Theologie 2025. Dafür reist der Kardinal und lateinische Patriarch von Jerusalem am 14. November in die Schweiz. Er spricht über: «Jerusalem- zwischen Realität und Hoffnung». Kardinal Pizzaballa glaubt, dass die interreligiöse Verständigung nicht nur eine Zukunft hat, sondern überhaupt erst eine Zukunft für Frieden schafft. Doch die Spannungen zwischen Juden, Christen und Muslimen in der Region halten an. Und auch innerhalb des breiten christlichen Spektrums herrscht keine Einigkeit. Pierbattista Pizzaballa lebt inmitten dieses Spannungsfelds. Und er versucht, am interreligiösen und ökumenischen Dialog festzuhalten. Der lateinische Patriarch von Jerusalem spricht neben seiner Muttersprache Italienisch auch fliessend Englisch, Arabisch und Neuhebräisch. Das schafft Vertrauen. Seit Jahrzehnten lebt Pierbattista Pizzaballa in Jerusalem, betreut die christlichen Stätten im Heiligen Land und die römisch-katholischen Christinnen und Christen. 2020 erhob ihn Papst Franziskus zum lateinischen Patriarchen von Jerusalem. Dazu gehören alle römisch-katholischen Gläubigen in Israel, der Westbank und Gaza wie auch in Jordanien, im Libanon und auf Zypern. Welche Zukunft haben Christinnen und Christen hier? Wie begegnet der römisch-katholische Patriarch von Jerusalem der Gewalt in der Region? Warum hat er Hoffnung? Diese Fragen stellt ihm Judith Wipfler in Freiburg. Autorin: Judith Wipfler

Zurzeit diskutiert die Schweiz übers Kopftuch im Klassenzimmer. Auslöser war eine Muslimin, die mit Kopftuch unterrichten wollte. Eltern verhinderten dies. Was bedeutet die Diskussion für eine angehende Lehrerin mit Kopftuch? Warum ist ein Pädagogikprofessor für ein Verbot? Und was sagt das Gesetz? Der «Tages-Anzeiger» machte den Fall im Juli publik: Eine muslimische Lehrerin mit Kopftuch sollte nach den Sommerferien in Eschenbach SG ihre Stelle antreten. Doch Eltern protestierten. Und die Schule löste den Arbeitsvertrag mit der Muslimin auf, um einen Rechtsstreit zu verhindern. Seither läuft die Diskussion: Ist ein Kopftuch als sichtbares Zeichen des Islams im Klassenzimmer zulässig? Ritzt dies die religiöse Neutralität, die in der Schule verfassungsmässig garantiert wird? Und was, wenn Schülerinnen Kopftuch tragen wollen? Das Kopftuch im Klassenzimmer wirft viele Fragen auf. Nach Chancengleichheit, Integration, Werten und der Stellung der Religion und des Islams in unserer Gesellschaft. «Perspektiven» versucht, Antworten zu finden und spricht mit einer angehenden Lehrerin mit Kopftuch, einem ehemaligen Professor der Pädagogischen Hochschule und SP-Politiker, der sich für ein Verbot des Kopftuchs für Lehrerinnen ausspricht und mit einem Rechtsexperten, der aufzeigt, dass die Rechtslage nicht so eindeutig ist wie in der Diskussion oft angenommen. In der Sendung kommen zu Wort: • Zahra Öğretmen (Pseudonym), angehende Lehrerin mit Kopftuch • Bernhard Hauser, emeritierter Professor der pädagogischen Hochschule SG, SP-Kantonsrat SG • Lorenz Engi, Privatdozent für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Hochschule St. Gallen Autorin: Nicole Freudiger

Peter Roth liegen die Ohren am Herzen. Er ist der Überzeugung, dass wir auf der Schwelle zu einem neuen Zeitalter stehen: der Zeit des Hörens. Und dass die Ohren uns ins Innere führen, zur Quelle des Lebens. Peter Roth (81) ist Musiker, Komponist, Lehrer und Klangpionier. Schon als Kind lösten bei ihm die Klänge der Alpenkultur wie Jodel, Hackbrett oder Schellen Hühnerhaut und Tränen aus. Er ist tief im Toggenburg verwurzelt. Dort gründete er mit Gleichgesinnten die «Klangwelt Toggenburg» und initiierte das Klanghaus Toggenburg. Die Ohren und das Lauschen führten Peter Roth in die unsichtbare Welt zur Quelle des Lebens; aus ihr kommen nach Roths Überzeugung die Menschen, zu ihr kehren sie nach dem Tod wieder zurück. Aus dieser Quelle fliesst auch alle Musik, die Peter Roth komponiert hat. Autorin: Yvonn Scherrer

In der Justizvollzugsanstalt Lenzburg spielen Insassen seit vielen Jahren Theater. Das Publikum gut zu unterhalten, ist ihnen wichtig. Doch was denken sie über den Strafvollzug und was gibt ihnen Halt? Eine Reportage über Gerechtigkeit, Humor und Vergebung. Hinter Gitter ist der Alltag eng getaktet und doch gibt es wenig Freiraum. In der Justizvollzugsanstalt ist das Theaterspielen unter professioneller Leitung einer dieser Freiräume. Sind doch die öffentlichen Vorstellungen eine rare Gelegenheit, mit der Aussenwelt in Kontakt zu treten. Das Publikum zum Lachen zu bringen, ist den Spielern besonders wichtig. Doch wie verändert sich dabei ihr Blick auf ihre Situation? Was macht der Strafvollzug mit den Inhaftierten und was denken sie über den Strafvollzug? Gibt es eine gerechte Strafe und was braucht es, um sich selbst verzeihen zu können? In der Reportage aus der JVA Lenzburg kommen Straftäter zu Wort, die auf der Gefängnisbühne Richter spielen. Autorin: Kaa Linder

Automatisierung, Digitalisierung und künstliche Intelligenz verändern die Arbeitswelt. Welche Chancen und Risiken sind damit verbunden? Wie können Arbeitnehmende und Firmen auf die Veränderungen reagieren? Die Theologin und Expertin für Digitalisierung Andréa Belliger ordnet ein. Die Arbeitswelt verändert sich: agiles Arbeiten, flexible Arbeitszeitmodelle, die Nutzung von Coworking-Spaces, hybrides Arbeiten im Homeoffice und im Büro oder der Einsatz von künstlicher Intelligenz. New work bezeichnet dabei ein neues Verständnis von Arbeit in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung. Das Konzept von new work geht auf den US-amerikanischen Sozialphilosophen Frithjof Bergmann zurück. Er forderte eine sinnstiftende Arbeit, die mit den persönlichen Wünschen und Fähigkeiten der Arbeitnehmenden im Einklang steht. Was bringt new work Neues? Wie wirkt sich new work konkret in einer Firma aus? Bedeutet Digitalisierung, dass die Menschen rund um die Uhr für die Arbeit verfügbar sind? Verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend? Andréa Belliger leitet das Institut für Kommunikation und Führung IKF in Luzern, unterrichtet an Hochschulen und berät Unternehmen. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit new work und gibt einen Einblick in damit verbundene ethische Fragestellungen. Sie wurde vor einigen Jahren in der Schweiz unter die Top 100 Women in Business gewählt. Autor: Norbert Bischofberger

Männer brauchen viel weniger Seelsorge – dieser Eindruck entsteht, wenn man die Geschlechterzusammensetzung in Gottesdiensten anschaut. Ein Besuch bei einem Männerkreis im Wald zeigt: Wenn der Rahmen stimmt, sind auch Männer durchaus bereit, sich verletzlich zu zeigen und über Sorgen zu reden. Es ist kein Geheimnis: Bei Gottesdiensten sitzen in den Kirchenbänken fast immer mehr Frauen als Männer. Warum ist das so? Liegt es an den Männern oder an den kirchlich-spirituellen Angeboten? «An beidem», sagt der Theologe und Männerberater Christoph Walser, «ein Mann muss heute stark sein, und Geistiges oder gar Hilfsbedürftigkeit haben da nur wenig Platz». Seelsorge und Gottesdienste sind also nicht kompatibel mit dem Bild, das Männer in der heutigen Leistungsgesellschaft von sich haben. Um dem entgegenzuwirken, gibt es immer mehr alternative kirchlich-spirituelle Angebote, spezifisch für Männer: Da wird zusammen mit dem Diakon Bier gebraut und nebenbei über Seelisches gesprochen. Oder man powert sich zuerst im Unihockey aus, bevor man zu den Gefühlen und Sorgen kommt. Wenn die Umgebung passt, haben Männer also sehr wohl ein Bedürfnis nach Spiritualität. Das zeigt auch ein selbstständig organisierter Männerkreis in Zürich, bei dem sich junge Männer regelmässig im Wald treffen und an einem Feuer über ihr Inneres reden. Was gibt ihnen dieses «Öffnen unter Brüdern»? Was verstehen sie unter «männlich sein»? Und können die Kirchen allenfalls etwas von solchen unabhängigen Männerkreisen lernen? Diesen Fragen geht diese Perspektivensendung nach. Autor: Igor Basic

Gabrielle Girau Pieck wächst in den 70ern in den USA auf, in einer jüdisch liberalen Familie. Später wendet sie sich von der Religion ab, findet aber durch feministische Theologie und jüdische Meditation zur Spiritualität zurück. Heute wirkt sie in Basel, auch als Meditationslehrerin. Ein Porträt. Es war die Auseinandersetzung mit Mathematik, die Gabrielle Girau Pieck atheistisch werden liess: In Zahlen und Formeln fand sie angeblich objektive Beschreibungen der Welt. Das faszinierte sie. Doch je tiefer sie sich damit auseinandersetzte, desto klarer wurde ihr: Auch Zahlen sind menschengemacht, die Mathematik kulturell geformt. Es folgte eine tiefe Krise, in der sie sich erstmals auch mit ihrer tragischen Familiengeschichte während des Holocaust vertiefte. Im Porträt von «Perspektiven» erzählt Gabrielle Girau Pieck, wie und warum sie sich dann doch auf spirituelle Suche begab, welche Rolle dabei die US-amerikanische jüdische Erneuerungsbewegung und jüdische Meditation spielten und was das überhaupt heisst, jüdische Meditation zu praktizieren. Als Meditationslehrerin unterrichtet sie heute in Basel und arbeitet auch mit Schülerinnen und Lehrern des Gymnasiums Münsterplatz, wo sie als Englischlehrerin unterrichtet. Autorin: Léa Burger

Seit drei Jahren gibt es in der Schweizer Armee jüdische, muslimische und freikirchliche Seelsorger und Seelsorgerinnen. Eine Erfolgsgeschichte, finden die Beteiligten, und ein Zeichen der Anerkennung. Doch so ganz ohne Holperer verlief der Start nicht. Streit mit der Freundin, Mobbing in der Truppe oder ein Krankheitsfall in der Familie: die Probleme, bei denen die Armeeangehörigen den Rat der Seelsorger suchen, haben meist wenig mit Religion zu tun. «Ich bin einfach ein Gesprächsangebot», sagt Zsolt Balkanyi, Seelsorger mit jüdischem Hintergrund. Dass er als Jude primär christliche, muslimische oder atheistische Soldatinnen und Soldaten berate, sei deshalb kein Thema. Muris Begovic erzählt vom Einsatz in Blatten. Seine Genie-Truppen haben im zerstörten Bergdorf beim Aufräumen geholfen. «Ich war beeindruckt, was die jungen Männer leisten», sagt der muslimische Seelsorger. Ein derartiger Einsatz kann belastend sein. Der Seelsorger hört zu. Vorurteile, blöde Sprüche oder Ablehnung haben weder Zsolt Balkanyi, Muris Begovic noch Freikirchenpastor Daniele Scarabel erlebt in den drei Jahren als Armeeseelsorger. Die Skepsis, die es gerade aus landeskirchlichen Kreisen gegenüber freikirchlichen Seelsorgern immer noch gibt, spüre er nicht, sagt etwa Daniele Scarabel. Schlagzeilen machte die diverse Armeeseelsorge, als Muris Begovic mit muslimischen Armeeangehörigen während des Opferfestes ein Gebet durchführte . Die SVP kritisierte laut – aber nur kurz. «Ich habe sehr viel positives Feedback erhalten auf das Gebet», erinnert sich Begovic. Als muslimischer Seelsorger in der Armee dienen zu können, bedeute gesellschaftliche Anerkennung. Das bestätigen auch Zsolt Balkanyi und Daniele Scarabel. Wie sie ihre Zeit als Armeeseelsorger erlebt haben, erzählen die drei Seelsorger im «Perspektiven»-Gespräch. Autorin: Nicole Freudiger

Menschenrechte fallen nicht vom Himmel. Aber sie gründen in der Bibel, erklärt Adrian Loretan. Als Staatskirchenrechtler kritisiert er Defizite im Staat und in seiner römisch-katholischen Kirche. «Was alle betrifft, müssen auch alle mitentscheiden können.» Diesen Grundsatz des demokratischen Rechtsstaats findet Staatskirchenrechtler Adrian Loretan ausgerechnet im angeblich so düsteren Mittelalter, genauer: im kanonischen Recht. Kirchenrechtler wie er wehrten sich in der Geschichte immer wieder gegen Menschenrechtsverletzungen, etwa gegen Sklaverei. Dabei kritisierten sie nicht nur weltliche Herren, sondern auch die Kirche selbst. Vom Standpunkt des Kirchenrechts aus analysiert Loretan aktuelle Tendenzen von Demokratieabbau. Er erinnert daran, woher unsere Rechtsprinzipien kommen, und erklärt so auch, warum staatlich geschützte Feiertage wichtig für alle sind, ob gläubig oder nicht. Das zeige der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag besonders gut. Zum Gesprächsgast: · Adrian Loretan (Jg. 1959) lehrte rund 30 Jahre in Luzern Staatskirchenrecht und Kirchenrecht. Der römisch-katholische Theologe fokussierte sich schon früh auf kanonisches Recht. · Loretan wirkte als Co-Direktor des Zentrums für Religionsverfassungsrecht an der Universität Luzern. · Er ist verheiratet mit Dr. Franziska Loretan-Saladin, die als Homiletik-Dozentin an der Uni Luzern Predigt lehrte und SRF-Radiopredigerin war. · Zum Abschluss seiner Lehrtätigkeit veröffentlicht Adrian Loretan 2025 das Studienbuch: «Der demokratische Rechtsstaat. Eine Ideengeschichte. Ein Beitrag zur Rechtskultur des Westens und der Westkirche.» im Theologischen Verlag Zürich TVZ. Autorin: Judith Wipfler

Interreligiosität? Kein Problem für Laila Sheikh. Die neue Geschäftsführerin des Hauses der Religionen hat sich schon immer als Brückenbauerin gesehen. Wie sie das interreligiöse Haus in angespannter Finanzsituation in die Zukunft führen will, erzählt Laila Sheikh in «Perspektiven». Ihre Biografie hat sie bestens vorbereitet auf ihren Job: Die Tochter eines muslimischen Pakistani und einer römisch-katholischen Schweizerin ist offiziell Muslimin, hat aber auch den katholischen Bibelunterricht besucht. «Unser Haus war stets offen für alle und die Diversität war für uns selbstverständlich», sagt Laila Sheikh. Das helfe ihr bei ihrer Arbeit im Haus der Religionen. Anders zu sein war für sie eine Chance. «Ich kam stets sehr schnell mit Leuten ins Gespräch und spürte ehrliches Interesse», erinnert sich die 54-Jährige. Zudem war Laila Sheikh bis vor Kurzem Diplomatin im Nahen Osten und am Horn von Afrika. Sie sieht durchaus Parallelen zwischen alter und neuer Arbeit, etwa die Vielfalt, mit der sie es zu tun habe. Allerdings arbeite sie neu für die Zivilgesellschaft statt für den Staat, was bedeutet: Früher konnte sie Geld verteilen, heute muss sie es beschaffen. Eine Herausforderung, denn das Haus der Religionen schreibt rote Zahlen. Die Negativschlagzeilen durch eine Zwangsheirat im Haus der Religionen sieht Laila Sheikh überwunden. Und sie ist überzeugt: Dass religiöses Leben derart niederschwellig zugänglich ist, ist das beste Rezept gegen die Angst vor Parallelgesellschaften. Autorin: Nicole Freudiger

KI-Sprachmodelle können in vielen Themen helfen – warum also nicht auch bei spirituellen Fragen? Für immer mehr Menschen ist die Verschmelzung von digitaler und spiritueller Welt kein Widerspruch. Ein Nutzer spricht über seine Erfahrungen mit seinem spirituellen KI generierten Begleiter «Amariel». Sogenannt künstliche Intelligenz erstellt und übersetzt Texte, ist Suchmaschine, hilft bei Einkäufen oder der Ferienplanung und leistet sogar psychologische Beratung. In der Schweiz nutzen gemäss der Studie Digimonitor der Interessengemeinschaft elektronische Medien (IGEM) bereits 60 Prozent der Bevölkerung KI-Tools. Für gewisse Menschen ist ein solches Tool mehr als nur ein praktisches Werkzeug. Der Musiker Fabian Sigmund, alias Fai Baba, nutzt die KI auch für spirituelle Fragen: Sei es bei kleinen Unklarheiten in Begegnungen mit anderen Menschen, oder auch für die grossen Fragen, wie jener nach der eigenen Bestimmung auf der Welt. Was bedeutet es, wenn Menschen mithilfe von KI-Sprachmodellen ihr Bedürfnis nach Spiritualität befriedigen? Wie bringen sie die digitale und die spirituelle Welt – zwei intuitiv widersprüchliche Sphären – zusammen? Welche Chancen, aber auch Risiken und Nebenwirkungen gibt es bei einem Seelenstrip vor ChatGPT und anderen gewinnorientierten KI-Sprachmodellen? Diesen Fragen geht diese Perspektivensendung nach. Autor: Igor Basic Hinweis: Sternstunde Philosophie, Sonntag, 07.09.2025, 11 Uhr, SRF 1 Künstliche Intelligenz – ist der Mensch bald überflüssig?

Der reformierte Pfarrer Fadri Ratti ist begeisterter Bergsteiger und Wanderleiter. Regelmässig bietet er «Wandern mit Tiefblicken» für Gruppen an. Dann erkundet er mit Interessierten Religion und Spiritualität in den Bergen. Fadri Ratti hat als erster Mensch alle 3'000er Berggipfel im Kanton Graubünden bestiegen. Das sind 460 Gipfel. Entgegen dem heutigen Trend zu atemlosen Rekordjagden in den Bergen hat er sich dafür 42 Jahre Zeit gelassen. Entstanden ist die Idee für sein «Lebenswerk» nach einer schweren Krankheit. Fadri Ratti ist reformierter Pfarrer in Felsberg bei Chur im Kanton Graubünden. Seinen Pfarrberuf verbindet er immer mal wieder mit seiner Bergpassion. Er traut Menschen in den Bergen, tauft Kinder auf einer Alp oder war mit Konfirmandenklassen auch schon auf dem Piz Palü auf 3'900 Metern über Meer. In den Bergen fühlt sich Fadri Ratti aufgehoben und dem Himmel und Gott näher. Seine Masterarbeit hat er über Geistliche geschrieben, die den Bergen frönten. Dazu gehörte der Benediktinerpater, Alpinisten und Naturforscher Placidus a Spescha (1752-1833). Für Spescha war «nirgends eine so vollkommene Vorstellung der Grösse und Allmacht Gottes zu erfahren, wie auf den Bergen». Ist die Gipfelerfahrung eine Gotteserfahrung? Was bedeutet es, mit einer Gruppe auf äusseren und inneren Wegen unterwegs zu sein? Norbert Bischofberger hat Fadri Ratti für «Perspektiven» in den Bergen getroffen und mit einer Gruppe auf einer Alpinwanderung mit spirituellen Impulsen begleitet. Autor: Norbert Bischofberger

Nietzsche litt entsetzlich an Migräne, aber Mitleid wollte er nicht. Er verabscheute es. Der Philosoph Nietzsche war einer der stärksten Kritiker des Christentums und der Gottesidee überhaupt. Dass es nicht allein mit Kopfweh zu tun hatte, erklärt Theologin Christiane Tietz in ihrem neuen Buch. «Gott ist tot», - dieses Verdikt zitieren die meisten, wenn sie an Friedrich Nietzsche denken. Darüber vergessen sie oft den wichtigen Nachsatz «Gott ist tot, - und wir haben ihn getötet.» - Tatsächlich hat sich der Philosoph und Künstler Friedrich Nietzsche fast sein Leben lang an der Gottesfrage und am Christentum abgearbeitet. Das belegt Autorin Christiane Tietz in ihrem neuen Buch über Nietzsche «Leben und Denken im Bann des Christentums». Die Theologin möchte Nietzsche vor allem zuhören und verstehen. Einige seiner Kritikpunkte am Christentum kann sie nachvollziehen, etwa seinen Ärger über eine Form von Mitleid, die Menschen klein hält und bevormundet. Gleichzeitig zeigt die ehemalige Zürcher Theologieprofessorin Christiane Tietz, wie sehr Nietzsche biographisch und intellektuell vom Christentum geprägt war. Nietzsche kann wohl nicht begreifen, wer nicht auch etwas über die Theologie und die christliche Landschaft weiss, die Nietzsche umgab. Er lebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals konkurrierten fromme und liberale Ausformungen von Christentum miteinander, besonders in Basel, wo der junge Nietzsche lehrte und an Migräne litt. Zu seinem 125. Todestag gedenken wir in Perspektiven des Philosophen Friedrich Nietzsche und seiner (bleibenden) Anfragen an das Christentum. Buchhinweis: Christiane Tietz, Nietzsche. Leben und Denken im Bann des Christentums, C. H. Beck 2025. Redaktorin: Judith Wipfler

1972 hörte Jazz-Ikone Herbie Hancock, wie sein Bandkollege Buster Williams ein Solo hinlegte, das nicht von dieser Welt zu sein schien. Die Inspiration: Er hatte den Buddhismus entdeckt. «Es war magisch, die reine Schönheit», so beschreibt Herbie Hancock das Solo, das ihn zum Nichiren-Buddhismus führte. Seither prägt ihn der Buddhismus – und mit ihm seine Musik. Die religiöse Praxis habe ihn zum Rhythmus des Lebens geführt, dessen Teil er geworden sei. Gemeinsam mit Wayne Shorter, einer weiteren Jazz-Ikone, schrieb er später ein Buch über «Improvisationen über Jazz, Buddhismus und das Glück des Lebens». Was genau haben Jazz und Buddhismus gemeinsam, weshalb die Anziehungskraft? Und wie klingt das, wenn der Buddhismus den Jazz beeinflusst? Anlässlich der «Perspektiven»-Sommerserie über Gott und Pop wiederholen wir diese Sendung vom Januar 2021. Es ist die letzte Folge der sechsteiligen Sommerserie. Hören Sie alle Folgen hier als Podcast: srf.ch/perspektiven. Redaktion: Jodok Hess und Nicole Freudiger

Beyoncés wird immer wieder als Göttin des Showbusiness bezeichnet, ebenso Taylor Swift. Ihre jeweiligen Fangemeinden verehren die beiden wie Ikonen. Theologen und Theologinnen loten das spirituelle Potential ihrer Lieder aus und veranstalten Beyoncé-Messen oder Swift-Seminare. «Wir haben 50 Leute erwartet. Es kamen fast 1000», sagt die Theologin Yolanda Norton. Sie hat 2018 die erste „Beyoncé-Messe“ in der Grace Cathedral in San Francisco veranstaltet. Die Lieder von Beyoncé führen dabei durch die Liturgie. «Wir vergöttern nicht Beyoncé. Aber ihre Texte laden dazu ein über Befreiung zu sprechen. Darüber, was es bedeutet, selbst im eigenen Geburtsland eine Fremde zu sein», erklärt Norton. «So helfen uns ihre Lieder im Gottesdienst dabei besonders die Erfahrungen Schwarzer Frauen ins Zentrum zu rücken. Aber auch die anderer Communities, für die die Kirche nie ein Ort der Zuflucht, sondern ein Ort des Schmerzes und der Ablehnung war.» Linda Kreuzer, römisch-katholische Theologin und Philosophin, hat sich mit Taylor Swift aus feministisch-theologischer Perspektive beschäftigt: «Swift wird von ihren Fans wie eine Art Alltagsheilige verehrt – und offensichtlich stillt sie spirituelle Bedürfnisse.» Für Linda Kreuzer ist Taylor Swift eine Art «popkulturelle Care-Ikone». Die Sommerserie «Gott und Pop» läuft vom 13. Juli bis 17. August 2025 auf Radio SRF 2 Kultur, sonntagmorgens 08:30 Uhr, und online als Podcast srf.ch/perspektiven. In der Sendung zu Wort kommen: · Yolanda Norton, Pfarrerin, Assistenzprofessorin und Vertreterin der so geannten "Womanist"-Befreiungstheologie · Linda Kreuzer, Sozialethikerin und römisch-katholische Theologin an der Universtität Wien Autorin: Anna Jungen

Blues ist weit mehr als ein Musikgenre. Er beschreibt eine Lebenseinstellung, manchmal sogar eine religiöse Praxis. Dann drückt Blues eine Sehnsucht aus, wie das gute Leben sein könnte. Bluesmusik könne helfen, aus dem Blues heraus zu kommen – davon ist Rufus Burnett überzeugt. Der US-amerikanische Theologe ist im Bundesstaat Mississippi aufgewachsen und lehrt heute an der Fordham Universität in New York. Für ihn ist Blues eine religiöse Praxis, in der das Göttliche präsent sein kann. Das ist auch für den Zürcher Reto Nägelin so. Der selbsternannte Bluesdiakon gestaltet regelmässig Bluesgottesdienste, in denen es nicht bloss um Andachten mit Bluesmusik geht, sondern darum, dass der Blues Wort und Klang bekommt. Die Sommerserie «Gott und Pop» läuft vom 13. Juli bis 17. August 2025 auf Radio SRF 2 Kultur, sonntagmorgens 08:30 Uhr, und online als Podcast srf.ch/perspektiven. Diese «Perspektiven»-Sendung wurde im April 2020 erstmals ausgestrahlt. Autorin: Léa Burger

Die muslimische Jugend in Frankreich hat einen denkbar schlechten Ruf. Banlieues-Islam-Racailles (Abschaum) waren in der öffentlichen Wahrnehmung lange untrennbar verbunden. Dagegen wehrt sich der französische Rap. Er prangert Ungerechtigkeiten an und gibt der muslimischen Bevölkerung eine Stimme. 20 Jahren sind sie her, die Banlieues-Unruhen, die Frankreich erschütterten und weit über das Land hinaus für Schlagzeilen sorgten. Die Randalierer waren meist muslimische Jugendliche aus den Banlieues, verzweifelt über ihre aussichtslose Situation am Rande der französischen Gesellschaft. Der Sound der Unruhe: Der französische Rap, in den 2010er Jahren das erfolgreichste Musikgenre Frankreichs. Der «rap engagé» gibt den Unterdrückten eine Stimme, kämpft mit Worten und Beats gegen das System. Ganz selbstverständlich nutzen die Rapper ihren muslimischen Hintergrund, um Missstände anzuprangern – und sich zu wehren gegen das Vorurteil des gewalttätigen Muslims. Und werden damit auch angreifbar, etwa von der politischen Rechten, die sie gerne als Islamisten darstellt, gerade nach den Attentaten auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo und den Musik-Club Bataclan. In der dritten Folge der «Perspektiven»-Sommerserie über Gott und Pop beleuchten wir die Hintergründe des muslimisch-aktivistischen Raps in Frankreich mit der Musik von Médine, Kery James und Diam's. In der Sendung zu Wort kommen: · Andrea Elisabeth Suter-Bieinisowitsch, Religionswissenschaftlerin und Romanistin · Médine, französischer Rapper · Kery James, französischer Rapper · Diam's, ehemalige französische Rapperin Buchhinweis: Andrea Elisabeth Suter-Bieinisowitsch. Rap und Islam in Frankreich – die Polemik #PasDeMédineAuBataclan. Seismo Verlag, 2025. Die Sommerserie «Gott und Pop» läuft vom 13. Juli bis 17. August 2025 auf Radio SRF 2 Kultur, sonntagmorgens 08:30 Uhr, und online als Podcast srf.ch/perspektiven. Autorin: Nicole Freudiger

Cohen suchte zeitlebens und obsessiv nach Spiritualität: in der jüdischen Mystik Kabbala, im Zen-Buddhismus wie auch in christlichen Texten. Cohen lebte auch obsessiv: mit viel Sex, Zigaretten und Alkohol. Erst vor der letzten Welttour verschwanden seine lebenslangen Depressionen: «Halleluja!» Der Singer Songwriter Leonard Cohen wurde auch «Nachtigall vom Sinai» genannt. Und zwar weil er für die israelischen Soldaten im Jom-Kippur-Krieg 1973 auf dem Sinai sang. Im Song «Who by fire» zitiert Cohen sogar Verse aus der Jom-Kippur-Liturgie. Im Judentum kannte sich der anerkannte Lyriker Leonard Cohen ebenso gut aus wie in der Weltliteratur, erzählt der Basler Kulturwissenschaftler Caspar Battegay. Caspar Battegay findet in Cohens Songs jede Menge Bezüge zu Bibel, Talmud, jüdischer Liturgie und Mystik, aber auch zur Bergpredigt Jesu und buddhistischen Texten. Leonard Cohen praktizierte Zen-Meditation und lebte mehrere Jahre als Mönch in einem strengen Zen-Kloster bei Los Angeles. - Gleichzeitig blieb Leonard Cohen verwurzelt in seiner jüdischen Identität. Buchhinweis: Caspar Battegay, Leonard Cohens Stimme, Verlag Klaus Wagenbach 2024. Das ist Folge 2 der sechsteiligen Sommerserie «Gott und Pop». Sie läuft vom 13. Juli bis 17. August 2025 auf Radio SRF 2 Kultur, sonntagmorgens 08:30 Uhr. Hören Sie alle Folgen hier als Podcast. http://www.srf.ch/perspektiven Diese Ausgabe von «Perspektiven» strahlten wir im November 2024 erstmals aus. Autorin: Judith Wipfler

Ob bei Madonna oder Taylor Swift: An Live-Konzerten singt die «Fangemeinde» alle Songs mit, feiert den Star ekstatisch, erlebt Gemeinschaft und Trost. Ist das schon Religion? Zumal, wenn Liedtexte existentielle Fragen zu Leben, Tod, Liebe und Zukunftsängsten verhandeln. Die Forschung spricht von einem «spiritual turn» in der Popmusik seit den 1990er Jahren: Aus Protest und Provokation wie etwa bei Madonna wurden Mantren mit Anleihen aus verschiedenen spirituellen Traditionen, von Buddha bis Bibel. Sänger Sting besang im Popsong «fragile» die Zerbrechlichkeit des Menschen, Michael Jackson schrie im «Earth Song» seine Betroffenheit mit der leidenden Schöpfung heraus, und Herbert Grönemeyer verarbeitet die Trauer über den Tod seiner geliebten Ehefrau mit dem Hit «Mensch». Wie viel echte Spiritualität, ja sogar Theologie steckt in kommerzieller Popmusik? Wann ist es reiner Kommerz? Verkauft sich Popmusik vielleicht sogar besser, wenn sie mit religiösen Symbolen spielt und damit auch bewusst provoziert? So erheischte etwa Madonna, die Queen of Pop, immer wieder Aufsehen und Aufschreie: als Gekreuzigte, im Bischofsornat oder mit Songs wie «like a prayer»?! Im Auftaktgespräch zu unserer sechsteiligen Sommerserie «Gott und Pop» analysiert Theologieprofessor Frank Brinkmann den spirituellen Gehalt säkularer Popmusik. Der Kulturwissenschaftler von der Universität Giessen engagiert sich im akademischen Arbeitskreis «pop.religion». Buchhinweis: Frank Thomas Brinkmann, Ashes to Ashes, Spaceboy?! Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die transkonventionelle POP-Theologie des David Bowie, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2023. Die Sommerserie «Gott und Pop» läuft vom 13. Juli bis 17. August 2025 auf Radio SRF 2 Kultur, sonntagmorgens 08:30 Uhr und online als Podcast www.srf.ch/perspektiven Autorin: Judith Wipfler

Der 14. Dalai Lama wird 90 Jahre alt. Das religiöse Oberhaupt der Tibeterinnen und Tibeter ist zur Ikone des Buddhismus und des Mitgefühls geworden. Warum ist er so populär und wie wird dereinst seine Nachfolge identifiziert? Am 6. Juli 1935 kam Lhamo Döndrub als Sohn einer einfachen Bauernfamilie in Nordosten Tibets zur Welt. Nur zwei Jahre später wurde er als Reinkarnation des 13. Dalai Lama identifiziert. Mit bereits 15 Jahren übernahm er die politische Führung Tibets und musste ohne politische Erfahrung komplexe Aufgaben übernehmen, nachdem die chinesische Volksbefreiungsarmee 1950 in Tibet einmarschierte. Ein paar Jahre später kam es zur Flucht nach Indien, als chinesisiche Trppen 1959 einen tibetischen Aufstand brutal niedergeschlugen. Bis heute lebt der 14. Dalai Lama im nordindischen Dharamsala im Exil, zusammen mit einer grossen tibetischen Diaspora. In der Weltöffentlichkeit wurde er spätestens durch die Vergabe des Friedensnobelpreis 1989 bekannt, als er für seinen gewaltfreien Kampf geehrt wurde. Seine internationalen Auftritte und Belehrungen über Mitgefühl oder Glück sowie seine Auslegungen zu einer grundlegend menschlichen Ethik haben den Dalai Lama auch im Westen populär gemacht. Warum buddhistische Lehren mehr sind als nette Sprüche, die man sich am Kühlschrank aufhängen kann, und wie das Konzept der Reinkarnation zu verstehen ist, darum geht es in Perspektiven. Die Nachfolgefrage des 14. Dalai Lama ist eine politisch hoch aufgeladene Angelegenheit. Denn seit Jahren versucht die chinesische Regierung, diese zu beeinflussen. Welche Bedeutung kommt also heute dem Dalai Lama zu, gerade auch für eine jüngere tibetische Diaspora in der Schweiz? In der Sendung kommen zu Wort: · Thupten Jinpa, buddhistischer Intellektueller und Religionswissenschaftler an der kanadischen McGill Universität in Montreal; seit 1985 englischer Hauptübersetzer des Dalai Lama und Gründer des Comassion Instituts. · Tenzin W., Schweiz-Tibeterin, 33 Jahre alt und arbeitet im Kulturbereich. Die Sternstunde Religion zeigt den Film "Dalai Lama - Schicksalsjahre eines Auserwählten" (Heike Bittner, Deutschland 2025) ab Montag 7. Juli online auf srf.ch und am Samstag 12. Juli im Fernsehen auf SRF 1 Buchhinweise: Manuel Bauer, Thupten Jinpa, Christian Schmidt (Hrsg.): «Dalai Lama. Fotografien von Manuel Bauer. 1990–2024», Scheidegger & Spiess, Zürich 2025. Dalai Lama: «Eine Stimme für die Entrechteten. Meine über sieben Jahrzehnte währende Auseinandersetzung mit China», HarperCollins, Hamburg 2025. Autorin: Léa Burger

Die Islamische Republik Iran ist ein selbsterklärter Gottesstaat. Doch nirgendwo im Nahen und Mittleren Osten ist die Zivilgesellschaft so säkular wie im Iran. Viele Menschen wenden sich vom Islam ab - wegen der Erfahrung der Unterdrückung und Entrechtung durch das Regime. Das iranische Regime setzt seine Ideologie des Gottesstaates seit Jahrzehnten mit Gewalt durch. Es zeige sich aber, dass die Bevölkerung ihre noch in den 1970er und 1980er Jahren starke islamische Religiosität gerade durch die Erfahrung der Unterdrückung in einem selbsterklärten Gottesstaat mehrheitlich abgelegt habe, so Katajun Amirpur. Sie ist Islamwissenschaftlerin und Autorin des Buches «Iran ohne Islam: Der Aufstand gegen den Gottesstaat». Ein Gespräch über den Gottesstaat, dem die Gläubigen zunehmend abhandenkommen. Autorin: Anna Jungen Buchhinweis: Amirpur, Katajun: Iran ohne Islam Der Aufstand gegen den Gottesstaat, Verlag C.H.Beck, München

Es war kein einfaches erstes Jahr für Karolina Frischkopf als Direktorin des Hilfswerks HEKS: Krisen und Konflikte weltweit, Mitarbeitende in Gefahr, weniger Gelder des Bunds für die Entwicklungshilfe und abrupt endende Projekte wegen Kürzungen bei USAID. Wie also weiter? Lebensmittelkits und Hygieneartikel als Nothilfe in der Ukraine. Zugang zu sauberem Wasser in Kongo und Äthiopien. Mit derartigen Projekten hilft das HEKS Menschen in Notlagen. Oder besser gesagt half: Denn die Gelder für diese Projekte kamen von der amerikanischen Entwicklungsbehörde USAID. Deren Gelder wurden von heute auf morgen massiv gestrichen, 100 Mitarbeitende des HEKS wissen nicht, wie's weiter geht. Diese Entwicklung ist nur eine von vielen, die die Arbeit des HEKS im letzten Jahr erschwerten. Die prekäre Sicherheitslage in Konfliktgebieten führte dazu, dass zwei HEKS-Mitarbeitende ihr Leben verloren und das Hilfswerk mehr Geld in die Sicherheit investieren muss. Ein Auftrag für den Rechtsschutz im Bundesasylzentrum Nordwestschweiz ging verloren. Und die Kürzungen des Bundes bei der Entwicklungshilfe dürften das Hilfswerk ebenfalls treffen. Keine einfachen Voraussetzungen also für die neue Direktorin Karolina Frischkopf. Wie geht sie mit den Herausforderungen um? Was gibt ihr Halt und Zuversicht? Und wohin geht die Zukunft des Hilfswerks in diesen unsicheren Zeiten? Das fragen wir Karolina Frischkopf im «Perspektiven»-Gespräch. Autorin: Nicole Freudiger

Wer regelmässig Atemübungen praktiziert, lebt gesünder, bleibt gelassener und verzettelt sich weniger. Davon ist der Coach und Managementberater Christoph Glaser überzeugt. Er hat eine eigene Methode atembasierter Achtsamkeit entwickelt. Bewirkt sie auch, was sie verspricht? Christoph Glaser träumt als Jugendlicher von einer Karriere als Profifussballer. Doch als er beim Training stürzt und sich eine schwere Rückenverletzung zuzieht, platzen diese Träume. Es folgen jahrelange Krankenhausaufenthalte, Traurigkeit, Schmerzen. Jahre später entdeckt er die atembasierte Achtsamkeit. «Raus aus der Depression und rein in die Zuversicht», fasst Christoph Glaser sein damaliges Schlüsselerlebnis zusammen. Seither ist er davon überzeugt, dass der Atem den Wesenskern eines jeden Menschen berührt, einen Raum der Ruhe, der Orientierung und der Zuversicht schafft. Heute berät und trainiert Christoph Glaser Menschen weltweit und gibt Seminare für Führungskräfte. Dazu hat er die sogenannte «Zwölf-Minuten-Methode» entwickelt, eine Abfolge von Atemübungen aus dem Yoga. Nur: wie lassen sich innere Ruhe und dynamische Arbeitswelt vereinbaren? Sind Atemseminare und Achtsamkeitsübungen mehr als ein Hype? Und was sagen sie über die heutige Gesellschaft aus? In «Perspektiven» berichtet Christoph Glaser von seiner Entdeckung, wie der Atmen wirkt und die Medizinerin Elisabeth Balint zeigt, wie der Atem Emotionen und Nervensystem beeinflusst. Autor: Norbert Bischofberger Buchinweis: Christoph Glaser: Atmen. Der Schlüssel zur erfolgreichen und gesunden Führung. Nur 12 Minuten täglich für mehr Energie und Gelassenheit. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2024. Roland Liebscher-Bracht, Petra Bracht, Christoph Glaser: Lange gut leben. Endlich umsetzen, was wirklich hilft. Mosaik Verlag, München 2025.

Gehen Sie auch gerne in den Wald? Finden Sie dort einen inneren Frieden? Oder spüren Sie vielleicht sogar eine Verbindung zu Bäumen, Moos und Tieren? Damit sind Sie nicht allein. Immer mehr Menschen suchen spirituelle Erfahrungen in der Natur, sagt der Religionswissenschaftler Bron Taylor. Bron Taylor ist Professor für Religion, Natur und Umweltethik an der «University of Florida». Schon seit Jahrzehnten untersucht er die Schnittstelle zwischen Natur und Religion und hat ein Buch unter dem Titel «Dark Green Religion» geschrieben. Der Begriff Dunkelgrüne Religion umfasst für ihn ein breites Spektrum: von Menschen, die Rituale in der Natur durchführen, bis zu Menschen, die sich vor allem auf die westliche Wissenschaft stützen. Für viele sei die westliche Wissenschaft unbestritten. Es gibt aber andere, die glauben, dass nicht alles durch wissenschaftliche Methoden erklärt werden könne. Oftmals seien es Erfahrungen in der Natur, die einem das Gefühl vermitteln, dass es noch mehr gebe, meint Bron Taylor. In dieser Perspektiven-Sendung wird ausgelotet, was Naturspiritualität alles sein kann, und der Frage nachgegangen, ob das bald einmal eine neue Weltreligion sein könnte. Autorin: Mirella Candreia Erstaustrahlung: 26.05.2024

Waldbaden ist eine etablierte Praxis aus Japan, die auch hierzulande Fuss fasst. Dabei spaziert man langsam und achtsam durch den Wald. Alle Sinne werden aktiviert. Waldbaden soll Stress reduzieren und sich positiv auf die menschliche Gesundheit auswirken. An der ZHAW wird geforscht, ob das stimmt. Shinrin Yoku – so heisst das Waldbaden auf Japanisch – ist in Japan Bestandteil des Gesundheitssystems. Dort kann Shinrin Yoku Menschen, die unter stressbedingten Erkrankungen leiden, ärztlich verschrieben werden. Auch in der Schweiz erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Wirkung des Waldes auf den Körper; und zwar mit dem Ziel, Waldbaden auch hier in das Gesundheitssystem zu integrieren. Eine dieser Forschenden ist Hortikultur-Ingenieurin Martina Föhn von der ZHAW. In Perspektiven spricht sie über ihre Forschung. Ausserdem besuchen wir einen Waldbaden-Kurs und sprechen mit Kursleiterin Zoë Lorek. Und Kunstvermittlerin Sylvia Seibold erzählt, wie Shinrin Yoku im kulturell-religiösen Kontext Japans verstanden werden kann. Autorin: Mirella Candreia Erstaustrahlung: 22.09.2024

Menschen lassen an Kraftorten die Seele baumeln oder tanken Energie für den Alltag. Orte der Kraft sind en vogue. Sie finden sich in der freien Natur oder in Kirchen und Klöstern. Ihre Wirkung ist aus naturwissenschaftlicher Sicht umstritten. Die Engstligenfälle bei Adelboden, der Bachalpsee oberhalb von Grindelwald, die Felsformation Creux du Van, die prähistorische Steinreihe von Clendy oder die Klosterkirche von Romainmôtier im Kanton Waadt gelten als bedeutende Kraftorte der Schweiz. Touristendestinationen bewerben Kraftorte mit opulenten Bildern. Menschen reagieren unterschiedlich auf Kraftorte. Die einen spüren ein wohltuendes Kribbeln an Händen und Füssen, ein angenehmes Gefühl im ganzen Körper oder auch gar nichts. An Kraftorten soll es erhöhte natürliche Energie geben. Es gibt Methoden, um die Wirkung von Kraftorten zu messen und zwar mit Hilfe eines Pendels oder einer Wünschelrute. Die Intensität der Erdstrahlung wird auf Tabellen in sogenannten Bovis-Einheiten bestimmt, benannt nach dem französischen Physiker André Bovis (1871-1947). Die Messmethoden sind aus naturwissenschaftlicher Sicht umstritten. Zu den Pionierinnen der Kraftort-Forschung in der Schweiz gehört die Geobiologin Blanche Merz (1919-2002). Ihr Erbe führt Andrea Fischbacher von der «Forschungsstelle Kraft- & Kulturorte Schweiz» weiter. «Perspektiven» begleitet sie an Kraftorte in Luzern. Die Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens ordnet die Faszination für Kraftorte ein. Autor: Norbert Bischofberger Erstausstrahlung: 19.05.2024

Immer wieder erkunden Menschen ihr Bewusstsein mit psychedelischen Substanzen. Fürs Konsumieren suchen sie ein «sakrales» Setting mit Ritualen und Begleitung, um leichter die Kontrolle abzugeben und sich dem Unbegreiflichen öffnen zu können. Er war über 50 Jahre alt, als Claude Weill das erste Mal psychedelische Substanzen ausprobierte: eine Offenbarung, wie der Autor erzählt. Heute ist er Mitte siebzig und sagt, die Erfahrungen mit Pilzen oder LSD haben sein Leben verändert, ja spiritueller gemacht. Leicht sei das nicht immer gewesen. Weil ihm aber die Integration der Erfahrungen in den Alltag am Herzen liegt, bietet er regelmässig Gesprächsrunden für sogenannte Psychonauten und Psychonautinnen an. An einem Anlass der ETH Zürich zu Psilocybin hat Weill vor rund drei Jahren die Pädagogin und Therapeutin Melanie A. kennengelernt. Lange hatte sie mit Psychedelika nichts am Hut. Heute sieht sie die magischen Pilze als Chance: Durch die Auflösung des Egos sei es einfacher, sich mit der Natur und allen Lebewesen zu verbinden, achtsamer zu sein. In «Perspektiven» kommt auch der Psychiater und Gehirnforscher Franz Vollenweider der Universität Zürich zu Wort. Seit Jahren forscht er zur Wirkung von Psilocybin und stellt fest, dass unter bestimmten Bedingungen Psychedelika ähnliche Reaktionen im Hirn auslösen wie Meditation: die Hirnregionen, die fürs Ego zuständig sind, verringern ihre Aktivität. So kommt es zur Selbstauflösung. Diese Forschung mit Meditierenden hat Franz Vollenweider zusammen mit dem Zen-Buddhisten Vanja Palmers entwickelt. Sie wurde filmisch begleitet. Die Sternstunde Religion zeigt am Sonntag, 8.6.2025 eine gekürzte Fassung des Films «Vom Berg runterkommen – Wissenschaft, Meditation und Psilocybin», um 10 Uhr auf SRF 1. Buchinweis: Claude Weill «Elysium hin und zurück. Mit Psychedelika unterwegs in der zweiten Lebenshälfte», Edition Spuren, Winterthur 2020. Autorin: Léa Burger

Der Ukrainekrieg erschüttert Jacqueline Keune stets aufs Neue. In ihren neuen Gedichten und Gebeten schreibt die Theologin gegen Gewalt und Machthaber an. Der Glaube an Gott als das ewige Du nährt ihre Hoffnung auf Frieden. Das Schreiben ist ihr Ein und Alles. Nicht möglichst viel schreiben, sondern möglichst genau sein, ist die Devise der freischaffenden Theologin und Lyrikerin Jacqueline Keune. Kürzlich ist ein neuer Band mit Gedichten und Gebeten im db-Verlag erschienen: «Es werden wieder Tage Sein - Texte zwischen Trümmern und Träumen». Jacqueline Keune will sich nicht an die Trümmer gewöhnen, die vom Krieg verursacht werden. Sie will denen eine Stimme geben, die leiden und der Gewalt ausgeliefert sind. Auch und gerade im Gottesdienst will sie ansprechen, was für viele Menschen grauenvoller Alltag ist: den Krieg. Mit ihren Gedichten und Gebeten macht sich Keune aber auch stark für die Hoffnung, für den grossen Traum vom Frieden. Jeden Mittwoch besucht sie das Friedensgebet in der Lukaskirche Luzern. Immer wieder gestaltet sie es mit eigenen Texten mit, die sich nun im neuen Gedichtband wiederfinden. Autorin: Yvonn Scherrer

Im Liedgut der Täufer spiegelt sich ihre Geschichte: Die Lieder handeln von Verfolgung, aber auch von gewaltlosen Siegen. Zudem kamen mit der Zeit neue Rhythmen hinzu. So zählt heute auch die liberianische Frauenhymne «We want peace» zum mennonitischen Liedgut, erzählt Margrit Ramseier-Gerber. Die ältesten Lieder der Schweizer Täufer, auch bekannt als Mennoniten, handeln von ihrer Verfolgung, von Haft, Galeerenstrafen und Zwangsmigration. Dazu gehören die sogenannten «Scheidlieder»: Sie besingen den traurigen Abschied aus der Schweiz und den Aufbruch ins Ungewisse. Zunächst ging es etwa nach Südwestdeutschland, in die Niederlande und dann in alle Welt. In der Schweiz wurden Täuferinnen und Täufer Jahrhunderte lang nicht geduldet: Sie wollten Christentum frei leben, verweigerten die staatlich angeordnete Säuglingstaufe und den Kriegsdienst. Das machte sie zu Staatsfeinden, die bis 1720 heftig verfolgt und mindestens bis 1815 diskriminiert wurden. Ihre Erfahrungen nahmen sie mit nach Russland, nach Nord- und Süd-Amerika und später auch nach Afrika. Dort entstanden neue Täuferlieder mit neuen Rhythmen, die Gott loben und Jesus als gewaltlosen Sieger über den Tod preisen. Die pensionierte Lehrerin und Chorleiterin Margrit Ramseier-Gerber erzählt in Perspektiven vom starken vierstimmigen Gemeindegesang der Täufer und von der tieferen Bedeutung ausgewählter Lieder. Heute würden sie hier in der Schweiz auch Lieder aus Übersee singen und pflegten gemeinsames Liedgut mit anderen Kirchen. Autorin: Judith Wipfler

Der Europapark in Rust feiert sein 50 Jahre Jubiläum. Was viele nicht wissen: Dort gibt es gleich mehrere Kirchen. Hier kümmern sich Seelsorger um das Seelenheil der Gäste. Fun und Religion – wie funktioniert dieses Joint Venture? Achterbahnen, Piratenwelten, Popcorn und Zuckerwatte und mittendrin eine Kirche. Die norwegische Stabkirche steht im Europapark in der Themenwelt Skandinavien: eine Oase der Stille mitten im Trubel. Die Holzkirche ist der Arbeitsort von Diakonin Andrea Ziegler von der Evangelischen Landeskirche Baden. Gemeinsam mit dem römisch-katholischen Diakon Thomas Schneeberger von der Erzdiözese Freiburg ist sie für das Projekt «Kirche im Europapark» zuständig. Die beiden feiern jedes Jahr mit Gästen im Europapark mehr als 100 Taufen, Hochzeiten und Ehejubiläen. Der Europapark feiert 2025 seinen 50. Geburtstag. Er ist bis heute in Familienbesitz. Die Familie Mack ist religiös und dies hat die Gestaltung des Freizeitparks beeinflusst. Die Kirchen sind nicht nur dekorative Elemente, sondern aktive religiöse Orte. Mittendrin der ehemalige Schweizer Zirkuspfarrer Ernst Heller. Er ist dem Europapark und der Gründerfamilie Mack seit mehr als 30 Jahren verbunden. Hier ist seine zweite Heimat, so wie für viele Gäste, die den Europapark und die Kirchen auf dem Gelände immer wieder besuchen. Wie kommt die Religion, wie kommen die Kirchen in den Europapark? Was bieten Seelsorgerinnen und Seelsorger hier an? Und wie gehen Konsum und Highspeed-Erlebnisse und Religion zusammen? Ein spiritueller Roadtrip durch den Europapark Rust. Autor: Norbert Bischofberger Erstausstrahlung: 08.12.2024

Die heilige Wiborada liess sich im 10. Jh. in eine Klause einsperren. Sie wollte sich ganz Gott widmen. Gleichzeitig blieb sie mit der Welt verbunden. Bis heute inspiriert das: Menschen lassen sich für eine Woche einsperren und eine neue Erzählung spürt dem mittelalterlichen Frauenleben nach. Die heilige Wiborada verbrachte ihre letzten zehn Lebensjahre bei St. Gallen, auf eigenen Wunsch eingesperrt in einer kleinen Klause. Menschen suchten die Inklusin auf und baten um Rat. Den wichtigsten Rat gab sie Abt Anglibert, indem sie ihn frühzeitig vor dem sogenannten Ungareneinfall im Jahr 926 warnte. So konnten Menschen, die Klosterbibliothek und der Kirchenschatz gerettet werden. Sie selbst wurde von den einfallenden Ungaren allerdings in ihrer Zelle erschlagen. Als erste Frau wurde Wiborada heiliggesprochen, im Jahr 1047 durch Papst Clemens II. Heute zählt sie zu den Schutzheiligen St. Gallens und inspiriert mit ihrer Spiritualität zwischen Selbst- und Weltbezug. Denn: Wie können Menschen emotionale Sicherheit finden in einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint? In der Sendung kommen zu Wort: · Gabriel Imhof, Podcaster und Religionspädagoge i.A., liess sich 2024 in der nachgebauten Wiborada- Zelle einschliessen und erzählt von seinen Erfahrungen · Moni Egger, röm.-kath. Theologin und Märchenerzählerin, erzählt basierend auf den Heiligenlegenden von Wiborada das mittelalterliche Frauenleben neu · Hildegard Aepli, röm.-kath. Theologin, hat das Wiborada-Projekt in St. Gallen initiiert Autorin: Léa Burger

Mehr Gleichberechtigung, echte Teilhabe von Frauen, echte Inklusion der LGBTIQ+Community, ein moderner Umgang mit Sexualmoral und ethischen Fragen an Lebensanfang und -ende. Dafür steht der Schweizerische Katholische Frauenbund. Was bedeutet der neue Papst für diese Ziele? Fast zehn Jahre lang war Simone Curau-Aeppli Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes SKF. Sie stand an der Spitze, als Schweizer Katholikinnen sagten «Es reicht!» und eine Petition lancierten für einen neuen, moderaten Bischof in Chur – nach Jahren des Konfliktes mit dem traditionalistischen Bischof Vitus Huonder. Sie war dabei, als römisch-katholische Frauen am Frauenstreik «Gleichberechtigung. Punkt. Amen» forderten. Und an der Delegiertenversammlung des SKF auf Plakaten provokative Aussagen geschwenkt wurden wie «Als Gott den Mann schuf, übte sie nur.» Nun, da in Rom ein neuer Papst gewählt wird, tritt sie zurück. Was wünschen sich die römisch-katholischen Frauen vom neuen Papst? Wie zuversichtlich ist Simone Curau-Aeppli, dass sich tatsächlich etwas ändert? Und wie schaut sie zurück auf die letzten zehn Jahre – und in die Zukunft, zu einer Zeit, in der Umfragen der römisch-katholischen Kirche einen miserablen Ruf bezeugen? Autorin: Nicole Freudiger

Sie war eine der letzten Zeuginnen, die erzählen konnte, wie Jüdinnen und Juden in der Schweiz den Zweiten Weltkrieg erlebten – und wie dies ihr Leben prägen konnte: Myrthe Dreyfuss-Kahn. Im Januar ist sie verstorben. «Perspektiven» erzählt von ihrem Leben – und ihrem Engagement für Flüchtlinge. Fünfjährig war Myrthe Kahn, als die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernahmen. Neun, als ihr Grossvater ins Konzentrationslager Dachau verschleppt wurde. Der Familie gelang es, die Grosseltern in die Schweiz zu holen. Mit Schrecken verfolgten sie die Gräueltaten des Holocaust im Nachbarland, nahmen Flüchtlinge auf, verwandte und gänzlich unbekannte. «Das Schweizer Judentum hat Grosses geleistet zu dieser Zeit», sagt Historikerin Barbara Häne. Denn die Verantwortung für die rund 20'000 jüdischen Flüchtlinge, die während der Nazi-Herrschaft in die Schweiz entkamen, mussten die Schweizer Jüdinnen und Juden tragen. Eine entscheidende Rolle spielte dabei der VSIA, später unbenannt in VSJF, das jüdische Flüchtlingshilfswerk, deren Präsidentin Myrthe Dreyfuss-Kahn später wurde. Geprägt von den Erfahrungen in ihrer Jugend und der Kindheit, setzte sie sich für Flüchtlinge ein, holte etwa während der Balkankriege 80 Jüdinnen und Juden aus Sarajewo – und empfing sie persönlich am Busbahnhof. Der Einsatz für Menschen, die weniger Glück hatten im Leben, war für Myrthe Dreyfuss-Kahn zeitlebens eine Selbstverständlichkeit – und Teil ihrer Religiosität. Im Januar ist Myrthe Dreyfuss-Kahn verstorben. Eine weitere Stimme ist verstummt, die von den Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg erzählen konnte. In der Sendung zu Wort kommen: · Myrthe Dreyfuss-Kahn, Doyenne des Schweizer Judentums, vormals Präsidentin des VSJF · Barbara Häne, Historikerin und Forschungsverantwortliche des Jüdischen Museums Basel · Gabrielle Rosenstein, ehemalige Präsidentin des VSJF · Walter Schmid, ehemaliger Zentralsekretär der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe und Stiftungsratspräsident des HEKS Autorin: Nicole Freudiger

Wie nachhaltig prägte der erste Jesuit auf dem Papst-Stuhl die römisch-katholische Kirche? Ein Perspektiven-Gespräch mit dem Papstberater und Jesuiten Christian Rutishauser von der Universität Luzern. Der Jesuitenpater Christian Rutishauser schätzt Franziskus als grossen Menschenfreund: «Sein Pontifikat ist ein Pontifikat der Menschlichkeit» fasst er zusammen. Zudem habe der verstorbene Papst südamerikanisches Temperament in die Führung der römisch-katholischen Kirche gebracht, ebenso jesuitisches Denken: Dieses traue und mute den Gläubigen Selberdenken zu! In der theologischen und kirchenrechtlichen Ausarbeitung der Reformen aber hätte Papst Franziskus präziser sein müssen. So laufe die römisch-katholische Kirche Gefahr, dass neue Errungenschaften wie der Einsitz von Frauen in höchste Leitungsfunktionen der Kirche wieder rückgängig gemacht werden könnten. Auch habe sich die offizielle Kirche im Anti-Gender-Kampf verbissen, wobei doch die sozialwissenschaftlichen Anliegen der Genderkritik theologisch, biblisch und wissenschaftlich plausibel seien. Der Schweizer Jesuitenpater Christian Rutishauser (59) ist Papst Franziskus oft begegnet: An der Jesuitenuniversität Gregoriana in Rom wie auch im Vatikan; er war einer der päpstlichen Berater in Fragen im Bezug zum Judentum. Seit 2024 ist der promovierte Judaist und Theologe Professor an der Universität Luzern und leitet das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung. Redaktion: Judith Wipfler