Unseren Morgenimpuls hören Sie jeden Morgen um 6:05 Uhr im DOMRADIO.

Heute bin ich ein bisschen hin und hergerissen. Die Kirche verehrt eine große Heilige, und wir hier in Olpe verehren unsere selige Gründerin. Die Heilige, die gefeiert wird, ist die Heilige Hildegard von Bingen. Sie ist vor mehr als 900 Jahren als junge Frau ins Kloster eingetreten und hat dort 35 Jahre gelebt. Hildegard von Bingen gilt als erste Vertreterin der deutschen Mystik des Mittelalters. Ihre Werke sind aber sehr vielfältig und befassen sich unter anderem mit Religion, Medizin, Musik, Ethik und Kosmologie. Sie war auch Beraterin vieler Persönlichkeiten. Von ihr ist ein umfangreicher Briefwechsel erhalten geblieben, der auch deutliche Ermahnungen gegenüber hochgestellten Zeitgenossen enthält, sowie Berichte über weite Seelsorgereisen und ihre öffentliche Predigttätigkeit. Aber dann hat sie sich getraut: sie hat sich getraut, mehr auf Gott als auf die Vertreter der Kirche zu hören. In ihren göttlichen Visionen hatte sie erfahren, sich mit ihren Schwestern an den Rhein zu begeben und dort neu zu gründen. Zwei Jahre hat sie sich mit den kirchlichen Oberen gestritten und sich dann doch durchgesetzt. Sie wäre nie die große Prophetin und Visionärin geworden, wenn sie sich dem NEIN der Kirche gebeugt hätte. Allein darin ist sie schon Vorbild: dazu stehen, was ich als richtig erkannt habe, und dann auch gegen Widerstand durchsetzen. Und dann ist noch unsere Gründerin, Mutter Maria Theresia Bonzel. Sie ist heute vor 196 Jahren hier in Olpe geboren, hat schon als junges Mädchen erkannt, dass man etwas gegen die Not der Waisenkinder tun muss. Sie hat mit unglaublichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt und sich auch nicht davor gefürchtet, sich mit weltlichen und auch sturen kirchlichen Obrigkeiten herumzuschlagen, wenn es um ihr Werk für die Kinder und gegen die Not von Kranken und Schwachen ging. Man sagt ja immer so leichthin, die Frauen seien das schwache Geschlecht. Gerade diese beiden Frauen, die zu so unterschiedlichen Zeiten gewirkt haben machen schon klar, dass es immer starke Frauen in der Kirche gegeben hat. Erkennen, was dran ist und dann auch tun – gegen Widerstände und die Angst vor der eigenen Courage. Stark.

Mit dem Auto bin ich eine ziemlich belebte Straße in der Stadt entlang gezuckelt und hatte Zeit, rechts und links ein bisschen zu schauen. Und rechts an der Straße pausierte, in einer dafür vorgesehenen Parkbucht, ein Linienbus. In dem Display oben in der Mitte blinkte eine Kaffeetasse, was ich wirklich nett fand und womit auch klar wurde: Ah, der Fahrer hat Kaffeepause! Und genau darunter war ein deutlicher Aufdruck mit dem Aufruf: „Mitarbeiter gesucht“ In dem Moment musste ich laut lachen, weil in mir sofort die Wortspielerei losging: Mitarbeiter hat Pause, also neuer Mitarbeiter gesucht. Oder: damit dieser Busfahrer Pause machen kann, wird ein neuer Mitarbeiter gesucht, oder noch besser: Mitarbeiter gesucht, der mit mir Pause machen kann. Das zusammenpassen von Wort und Bild ist in der Werbung besonders wichtig und muss immer gut bedacht werden. Und dass dann dabei so witzige Kombinationen in meinem Kopf entstehen, ist vielleicht gewollt oder auch ein ungewolltes Nebenprodukt. Es gibt so Texte in der Bibel, die kann man drehen und wenden wie man will, und trotzdem wird nie falsch verstanden, worum es geht. Weil die Zeilen so klar und eindeutig sind und deshalb kein Kuddelmuddel zwischen Bildsprache und Textbotschaft entsteht. So ein Text steht für uns heute im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth und sagt:„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel reden könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Blech oder eine lärmende Trommel. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenken würde und mich aufopfern für jemanden, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.“Und dann kommt so könnte man sagen, der Knaller in der ganzen Zuordnung. Nämlich:„Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.“ Klar, oder?

Am Samstag haben wir mit vielen hundert Menschen in Dortmund ein wunderschönes Fest gefeiert. Und dabei ging es um ein Todesjahr. Vor genau 800 Jahren ist Franziskus von Assisi gestorben und der Titel des Festes war: 800 Jahre einfach leben – Franz von Assisi.Also nicht den Tod feiern, sondern das einfache Leben dieses beeindruckenden Menschen, der in den Wirren am Ende des zwölften und am Anfang des Dreizehnten Jahrhunderts so vieles so anders gemacht hat, dass er bis heute nicht vergessen ist und unendlich viele Menschen in ihm ein Vorbild sehen, eben auch für ein einfaches Leben.Das Theaterstück zum Beginn des Festes zeigte einige witzige Szenen. Zwei jugendliche Touristen spazieren durch Assisi und plaudern über diesen komischen Typen, der damals seine coolen Klamotten gegen ein Gewand eintauscht, das wie ein Kartoffelsack aussieht. Der scheinbar von Jesus vom Kreuz herab persönlich den Auftrag zum Kirchenbau bekommt, ob wohl er davon keine Ahnung hat. Und zwei dieser Kirchen stehen bis heute. Und die Schauspieler, eine Truppe junger Erwachsender, machen in pantomimischen Szenen, die beeindruckend synchron getextet werden, deutlich, wie Franziskus im Laufe der Zeit immer besser versteht, dass er die Kirche gestalten soll, die aus Menschen besteht, die der Hilfe bedürfen. Ein Gespräch auf der Bühne mit einem Franziskanerbruder und dem Bruder Bischof, dem Paderborner Erzbischof Benz, aktualisiert diese uralten Geschichten in die Gegenwart. Zum Schluss des Festes gab es beim Wortgottesdienst eine Szene, die mich zutiefst beeindruckt hat. Das Gebet um den Frieden, dass Franziskus so sehr am Herzen lag, und in dem auch der Opfer der Attentate vom 11. September 2001 gedacht wurde, wurde von einer Frau gelesen, in der Version, die es seit dem ersten Weltkrieg gibt. Und eine zweite Version, die von einem muslimischen Gelehrten aus dem 16. Jahrhundert stammt, gelesen von einem muslimischen jungen Mann. Das waren die stillsten Minuten dieses Tages. Und da wurde mir deutlich, was Stille mitten in einer Großstadt, mitten in einem Fest, mit vielen hundert Menschen bedeuten kann: Pause, Aufatmen, Hören, Schweigen, Aufnehmen, Staunen, nachhallen lassen. Unglaublich eindrucksvoll. Und nach der Einzelsegnung aller, die das für sich annehmen wollten, und den Liedern dazu und dem Abschluss und dem Adieu, blieb eine beschwingte Leichtigkeit und eine heitere Gelassenheit, die so wohltuend war, wie es Franziskus vielleicht erahnt hat – mit dem Wunsch zum einfach leben.

Ich denke, dass kennst Du auch. Ab und zu muss man all die Kleinigkeiten, die sich so auf dem Schreibtisch oder auf dem Regal stapeln, mal durchsehen und aufräumen. Bei so einer Aktion sind mir ein paar Kärtchen in die Hand gefallen, die mich sofort wieder erinnert haben. Beim Liborifest in Paderborn Ende Juli war eine Kirche von der Citypastoral Paderborn als Klangraum gestaltet, in dem es Musik und Klang, Konzerte, Lesungen, Gespräche und stille Zeiten gab. Es gab Liegestühle zum Verweilen und schöne Klänge und Farben. Das Ganze war den verschiedenen Klängen gewidmet und sehr eindrucksvoll dargestellt.Die erste Station hatte den spannenden Titel "Der Klang Gottes". Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. So steht es in der Bibel. Gott als schöpferische Kraft, die alle Existenz in Gang gebracht hat, aus dem Chaos, dem Nichts in die Unendlichkeit. Aber wie hat sich das angehört, wie klang der Beginn von allem? Der Soundtrack des Anfangs ist nicht mehr nachvollziehbar, aber der Klang der danach entstanden ist: der Klang der Natur, der Klang des Alltags, die Musik, die wir Menschen kreativ erschaffen, unsere Sprache und Laute. All das und noch viel mehr klingt in uns und um uns, weil es uns gibt, weil wir Teil dieser wunderbaren Schöpfung sind. Der Klang Gottes – wir alle sind Teil davon. Soweit diese Einleitung zur Ausstellung.Und wenn heute, am Montag, der Alltag wieder losgeht, ist natürlich der Klang des Alltags mit all seinen Geräuschen sehr präsent: eine Zugdurchfahrt oder das Klicken der Ampeln, lautes Motorraddonnern auf Kopfsteinpflaster, eine knarrende Tür oder eine tickende Uhr, das Muhen der Kühe im Stall, Telefonklingeln, Schritte im Flur, Geschirrklappern, Kinderlärm auf dem Spielplatz, Baustellenlärm oder Tastaturklappern und noch viel mehr. Ich finde es eine gute Idee, heute mal auf zwei oder drei dieser vielen Alltagsgeräusche zu achten, ihnen bewusster zuzuhören und mal nachzuspüren, welche Gefühle das jeweilige Geräusch in mir auslöst.Jedes Geräusch, jeder Klang ist Teil unseres Lebens und Umfeldes, das sich in Jahren, Jahrhunderten und Jahrtausenden entwickelt hat und in jedem von uns andere Gefühle und Emotionen auslöst. Und dann zu wissen, dass das alles im Klang Gottes verbunden ist, weil wir ein Teil dieser wunderbaren Klangschöpfung sind, ist schon wunderschön.

Heute ist der Tag des positiven Denkens. Eigentlich interessant, dass man einen solchen Tag braucht. Der Glaube will aber genau auch das in unserem Leben erwirken, positives Denken. Dabei beginnt der Glaube oft nicht am helllichten Tag, sondern in der Nacht, so wie bei Nikodemus. Er kommt zu Jesus mit Fragen, mit Unsicherheit, mit einer Sehnsucht nach mehr. Nicht als Gegner, sondern – das macht ihn besonders – als Suchender.Das Johannesevangelium beschreibt Glauben dabei nie als Besitz. Glauben ist kein Substantiv, kein Haben, es ist ein Verb. Glauben heißt sich anvertrauen, sich binden, sich in Bewegung setzen, nicht nur etwas für wahr halten, sondern jemandem das eigene Leben anvertrauen, positiv zu denken, könnte man auch sagen. Jesus spricht mit Nikodemus von einer neuen Geburt, von einem Leben aus dem Geist und er benutzt ein starkes Bild: Der Wind weht, wo er will. Der Geist Gottes ist nicht verfügbar. Er ist kontrollierbar, aber nicht erfahrbar, wie der Wind unsichtbar und doch mit spürbarer Wirkung.Dieses Leben aus dem Geist steht quer zu vielem, was unseren Alltag prägt, zu Selbstoptimierung, Leistungsdruck, ständiger Vergleichbarkeit. Ein Leben aus dem Geist lebt nicht aus reiner Selbstüberzeugung. Es lebt aus Beziehung, aus dem Vertrauen, dass mein Wert nicht gemacht, sondern geschenkt ist, positives Denken eben. Im Zentrum steht dabei ein Wort Liebe, nicht irgendeine Liebe, sondern Agape, eine Liebe, die nicht berechnet, nicht festhält, nicht sich selbst sucht.So liebt Gott die Welt, nicht als heile Idylle, sondern in all ihrer Ambivalenz und Gottesferne. Und das Ziel dieser Liebe ist nicht bloß ein Leben nach dem Tod. Es ist ewiges Leben, Leben in Gemeinschaft mit Gott. Nikodemus bleibt ein Suchender. Er versucht positiv zu denken und darin wächst er und am Ende tritt er ins Licht.Vielleicht ist das auch unsere Frage: Wo suche ich nach Sinn, Wahrheit, Orientierung? Wo beginnt mein Glaube vielleicht noch in der Nacht und wo lädt Gott mich ein, einen Schritt ins Licht zu wagen, auch wenn sich manches verändert? Denn wo wir uns dem Geist öffnen, da beginnt Leben, nicht perfekt, aber echt, eben positives Denken.

Kennst Du das Gefühl, wenn Dir alles über den Kopf wächst, wenn Deine Kraft, Dein Wissen und selbst Dein Glaube Dich im Stich lassen? Genauso ging es einmal einem jungen Studenten in Paris. Er hieß Franz von Sales und wurde später dann ein berühmter Heiliger, aber damals war er einfach nur verzweifelt. Er steckte mitten in einer tiefen Glaubenskrise, gequält von der Angst, von Gott verlassen zu sein. In dieser absoluten Dunkelheit seines Glaubens ging er in eine Kirche, kniete sich vor ein Marienbild und betete. Er sprach ein altes Gebet, das Memorare. Es beginnt mit den Worten: "Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria, es ist noch nie gehört worden, dass jemand, der zu Dir seine Zuflucht nahm, von Dir verlassen worden ist."Und mitten in dieser Ohnmacht wendete sich etwas. Franz spürte keine Angst mehr, sondern tiefes Vertrauen. Diese Erfahrung wurde zum Wendepunkt seines Lebens. Er begriff: Gott ruft uns nicht durch Druck, sondern durch Liebe, nicht aus einer perfekten Fassade heraus, sondern mitten aus unserer menschlichen Zerbrechlichkeit.Heute feiern wir das Fest Mariä Namen, ein Fest, dass uns genau daran erinnern will. Der Name Maria steht für diesen Zufluchtsort. Er steht für das Versprechen, dass wir in den dunkelsten Stunden nicht alleine sind. Berufung, also das, wozu Gott dich und mich im Leben ruft, beginnt genau dort, wo wir aufhören, uns selbst retten zu wollen. Und sie geschieht in drei einfachen Schritten: Erstens wirst Du gesehen, so wie Du bist. Zweitens darfst Du Dich rufen lassen und die Richtung deines Lebens neu auf Gott ausrichten und schließlich bist Du drittens gesandt ganz konkret in Deinen Alltag, in deine Familie, deinen Beruf, deinen Freundeskreis.Du musst kein fehlerfreier Überflieger sein. Heiligkeit beginnt im Ernstnehmen deines Menschseins – man könnte im Sinne des heutigen Tages auch sagen, im Annehmen deines eigenen Namens, bei dem Gott dich gerufen hat. Wenn Du das nächste Mal nicht weiterweißt, dann denke an den jungen Franz von Sales. Suche Dir einen Moment der Stille und vertrau Dich diesem Namen an, denn Maria erinnert uns, Du wirst gesehen. Du bist geliebt und Du bist gerufen – genau so, wie du bist.

Nine-eleven ist zu einem Synonym geworden. Nine-eleven meint den 11. September 2001. An diesem Tag, das sind schon sagenhafte 25 Jahre her, sind in den USA vier Flugzeuge entführt worden, um damit einen beispiellosen Terrorakt zu vollziehen: die Nutzung von Passagierflugzeugen als menschengesteuerte Angriffsmaschinen, um so viele Menschen wie möglich zu töten und quasi den USA den Krieg zu erklären. Und das in der unglaublich verqueren Logik von Osama bin Laden und Al Quaida – im Namen Gottes. Im Namen Gottes töten? Das widerspricht dem Empfinden von gläubigen Christen, die an einen liebenden und lebensspendenden Gott glauben. Ja, auch Christen haben im Laufe der zwei Jahrtausende im Namen Gottes getötet. Und wir sind bis heute beschämt darüber. Es gibt ein Wort, das seit vielen Jahren die Runde macht und das gut erklärt, worum es wirklich geht. Da heißt es: "Wenn Dein Gott Dir befiehlt zu töten, dann such Dir einen anderen Gott."In unserer heutigen Lesung steht genau das Gegenteil von machtvoller Demonstration von Überlegenheit und kriegerischer Kraft. Da steht im 2. Korintherbrief: "Ich will mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn, wenn ich schwach bin, dann bin ich stark."Der Briefschreiber macht deutlich: Nicht meine eigene Kraft soll mich leiten, sondern die Kraft, die von Gott kommt und von Jesus Christus. Und noch mehr, er sagt sogar ja zu aller Ohnmacht und allen Nöten und Verfolgungen, die er für Christus erträgt, weil dann die Kraft Christi in ihm wirken kann. Wer aber aus der Kraft Christi wirken will, wird tun, was Christus getan hat: den Armen beistehen, die Kranken pflegen, Kinder segnen, Trauernde trösten und allen Menschen das Reich Gottes verkünden.Dieser 11.9. kann uns helfen, darüber nachzudenken, was ich, was jede und jeder von uns im Namen Gottes tut und das wichtigste Gebot dabei keinesfalls zu vergessen: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.

Am Abend lese ich oft schon das Tagesevangelium des kommenden Tages und schaue nach, was mich darin anspricht. Beim heutigen Text aus dem Lukasevangelium dachte ich, eigentlich ist der gesamte Text so, dass er mich geradezu anspringt. Da gibt es so viel, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Da heißt es:"In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln. Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück. Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen. Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne und Töchter des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.“Das ist echt keine Anleitung für ein weichgespültes Wohlstandschristentum, sondern harte Zumutung in Jesus Auftrag – an alle, die an ihn glauben.

Du kennst wahrscheinlich einen Activity Tracker? Vielleicht nicht unter diesem englischen Begriff. Im Deutschen ist das schlicht und einfach auch ein Schrittzähler. Die App auf dem Handy installiert, mit ein paar Daten versehen und immer in der Tasche parat, zählt er vom Aufstehen an alle Schritte, die ich so gehe. Irgendwann war mir klar, ein bisschen mehr Bewegung wäre sicher nicht so schlecht, wenn ich viel am Schreibtisch sitze und es ist da natürlich ziemlich reizvoll, sich ein Ziel zu setzen. Also die Marke bei 5.000 Schritten gesetzt und los. Und dann merke ich, dass die ganzen Morgenrituale wie Frühstück machen, Laudes in der Kapelle beten, Frühstücken, die ersten Sachen im Haushalt machen schon einige hundert Schritte sind. Und dann schnell zum Einkaufen nicht mit dem Auto, sondern zu Fuß, den Brief nicht mitgeben, sondern zum Briefkasten laufen, eine Runde spazieren gehen mit einer unserer alten Mitschwestern und noch eben in die Pfarrkirche gehen und ein paar Minuten verweilen und schon sind 5.000 Schritte erreicht.Und mitten in meiner Schrittzähleuphorie ist mir dann die Frage eingefallen: Wie viele Schritte mache ich eigentlich bewusst zu meinem Nächsten hin? Gehe ich mal eben eine Meile mit jemandem mit, der es gerade braucht? Bei einer Abendrunde durch die Stadt fällt mir auf, wieviel leichter es ist, abends kurz stehen zu bleiben und zu plaudern, einander zuzuhören oder einen Umweg mit zu laufen, weil gerade ein gutes Gespräch zustande gekommen ist. Mit einer indischen jungen Familie habe ich mich lange über die Tücken der deutschen Sprache unterhalten und habe ihnen nebenbei erklärt, warum gerade so viel Sperrmüll an den Häusern liegt, der am nächsten Morgen abgeholt wird. In einer Nebenstraße saßen fünf ältere Herren Pfeife rauchend auf einer Bank vor dem Haus und der Duft hat mich an den Pfeifentabak meines Vaters erinnert. Ich bin stehengeblieben und habe das erzählt und schon waren wir in der schönsten Plauderei. Es ist eine ziemlich gute Idee, vieles zu Fuß zu machen. Es tut der Gesundheit gut, man bekommt viel mehr zu sehen und zu hören, wenn man gemächlich geht, man trifft ganz andere Leute und man sieht ganz andere Dinge. Wenn es möglich ist, geh heute mal eine Runde und tu Dir an Leib und Seele etwas Gutes. Auch ganz ohne Activity Tracker.

Maria ist zum Streitfall geworden. Erst Maria 2.0 als Titel für eine hervorragende Fraueninitiative, die um die Gleichberechtigung von Frauen in unserer Kirche kämpft und als Antwort darauf Maria 1.0, die besagt, dass die Gottesmutter kein Update braucht und so verehrt werden kann wie immer.Hm. Und nun? Wenn ich darauf schaue, wer dieses junge Mädchen war, das in dem Glauben aufgewachsen ist, dass ein jüdisches Mädchen den Messias zur Welt bringen wird, die zu dieser Ungeheuerlichkeit der Verkündigung durch den Engel ja gesagt hat, obwohl sie genau wusste, dass sie dafür gesteinigt werden könnte, dann sehe ich keine stumme, liebliche, demütige und im stillen Kämmerlein lebende Frau, sondern einen Ausbund an Mut und Courage. Wer sich in der damaligen patriarchalischen Gesellschaft als Frau zutraut, mehr auf Gott als auf die Menschen zu hören, hat mehr als Mut. Sie hat ein Gottvertrauen, das über den Tod hinausgeht. Und wenn man ihr Gebet liest, das wir als Magnificat kennen und das sie beim Besuch ihrer Base Elisabeth jubelt, dann kann man nicht nur zwischen den Zeilen eine sehr offene Gesellschafts- und Religionskritik heraushören.Sie preist Gott, der auf sie als nichtsbedeutende Frau ihrer Zeit schaut, und weiß schon da, dass man in Jahrhunderten und Jahrtausenden von all den männlichen Herrschern kaum noch etwas wissen wird, aber sie selbst von allen gepriesen werden wird. Sie weiß, dass Gott auf alle schaut, die als niedrig und nichtssagend in Welt und Kirche gelten, und dass er die hochhebt, die vor ihm Achtung haben. Sie ahnt, dass Gott die Hochmütigen in alle Winde zerstreut, weil er alle Machthaber, egal welcher Couleur, von ihren Thronen stürzen wird. Denen, die nach Ihm und seiner Gerechtigkeit hungern, wird er beschenken, und die, die glauben alles zu besitzen, werden mit leeren Händen dastehen. Eine solche Frau, die aus der Kraft des Heiligen Geistes so leben und beten und mit ihrem Sohn bis unters Kreuz gehen wird, ist es mehr als wert, sie zu beachten und zu feiern und als Vorbild für Frauen und Männer in unserer Kirche zu sehen.

Im heutigen Abschnitt aus dem Lukasevangelium wird eine interessante Szene beschrieben. Die Pharisäer suchen nach Möglichkeiten, etwas gegen Jesus zu unternehmen, weil er ihnen und ihren Überzeugungen unbequem geworden ist.Aber Jesus hat etwas ganz anderes im Sinn. Ihm geht es um die Heilung eines Kranken und nicht um die Erfüllung von Gesetzen, die über dem Leid der Menschen stehen. Und dann heißt es, dann sagte Jesus zu ihnen: Ich frage euch, was ist am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zugrunde gehen zu lassen?Und er sah sie alle der Reihe nach an und sagte dann zu dem Mann: Streck deine Hand aus. Er tat es und seine Hand war wieder gesund. Da wurden sie von sinnloser Wut erfüllt und berieten, was sie gegen Jesus unternehmen könnten.Also, auf die Frage, was ist am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun oder Böses, haben die Umstehenden keine Antwort gegeben, obwohl jede und jeder die Antwort weiß. Es geht immer darum, Gutes zu tun und ebenso immer darum, das Böse nicht zu tun. Und als Jesus den Kranken geheilt hat, sind sie von sinnloser Wut erfüllt und beraten, was sie gegen ihn unternehmen können.Es gibt einen Text von Mutter Teresa, der genau das beschreibt und zum „Trotzdem“ aufruft. Sie sagt: Die Menschen sind unvernünftig, irrational und egoistisch. Liebe diese Menschen trotzdem.Wenn du Gutes tust, werden dich die Menschen beschuldigen, dabei selbstsüchtige Hintergedanken zu haben. Tue trotzdem Gutes. Wenn du erfolgreich bist, gewinnst du falsche Freunde und wahre Feinde.Sei trotzdem erfolgreich. Das Gute, das du heute getan hast, wird morgen schon vergessen sein. Tue trotzdem Gutes.Ehrlichkeit und Offenheit machen dich verwundbar. Sei trotzdem ehrlich und offen. Die Menschen bemitleiden Verlierer, doch sie folgen nur den Gewinnern.Kämpfe trotzdem für ein paar von den Verlierern. Woran du Jahre gebaut hast, das mag über Nacht zerstört werden. Baue trotzdem weiter.Die Menschen brauchen wirklich Hilfe. Doch es kann sein, dass sie dich angreifen, wenn du ihnen hilfst. Hilf diesen Menschen trotzdem.Gib der Welt das Beste, was du hast, und du wirst zum Dank dafür einen Tritt erhalten. Gib der Welt trotzdem das Beste. Letztendlich ist dann alles eine Angelegenheit zwischen dir und Gott. Sowieso war es nie eine Angelegenheit zwischen dir und anderen.

Ich war in den Sommerferien wandern. Und dabei überquerte ich auch die ein oder andere Alm. Es war einfach nur schön, zwischen den Kühen umherzuwandern und die Sonne im Gesicht zu spüren. Die Beine schon etwas schwer vom Aufstieg. Aber dieses Klingeln der Kuhglocken – beruhigend und irgendwie erdend im Ohr. Und da hab ich nochmal gespürt, wie schön und wunderbar entspannend diese Kühe sein können. Und ich musste an die ein oder andere Bibelgeschichte denken, die mich inzwischen ehrlich gesagt nur noch zum Gähnen bringt. Wenn es wieder um Hirten geht. Um Schafe. Um Vieh. Dann hat das oft so gar nichts mit meinem Alltag zu tun, denke ich. Dann langweilt es mich manchmal. Oder es nervt mich sogar. Denn ich will nicht das dumme Schaf sein, das sich verirrt und gefunden werden muss. Aber da oben auf der Alm habe ich es plötzlich ein bisschen besser verstanden. Vielleicht sogar gespürt. Schon beim Aufstieg kam uns ein Schäfer entgegen. Mit einer riesigen Schafherde und mindestens drei Schäferhunden. Ich war so mit dem Aufstieg beschäftigt, dass ich erst gar nicht richtig kapiert habe, dass da neben mir eine Unmenge an Schafen über Stock und Stein hüpfte. Und irgendwann dachte ich: Wie kostbar müssen diese Tiere eigentlich für diesen Schäfer sein? Sie sind sein Lebensunterhalt. Seine Lebensversicherung. Vielleicht ein großer Teil seines Lebens. Und für mich? Für mich waren sie in diesem Moment einfach nur beeindruckend und wunderschön. Ich dachte nicht: „Was für dummes Vieh.“ Und vielleicht habe ich genau da für einen kurzen Moment verstanden, was diese alten Bilder der Bibel eigentlich erzählen wollen. Vielleicht geht es gar nicht darum, dass ich das dumme Schaf bin. Vielleicht geht es darum, dass ich kostbar bin. So kostbar, dass es eben nicht egal ist, wenn ich verloren gehe. So kostbar, dass jemand nach mir schaut. So kostbar, dass einer mich nicht einfach zurücklässt. Da oben auf der Alm, zwischen Kuhglocken, schweren Beinen und einer riesigen Herde Schafe, habe ich für einen kurzen Moment verstanden, wie kostbar du und ich für Gott sein könnten. Und plötzlich fand ich diese alte Geschichte gar nicht mehr so langweilig.

Im Sommer laufe ich gerne barfuß. Ich mag das Gefühl von warmem Asphalt oder frisch gemähtem Gras unter den Füßen. Im Urlaub passiert mir das ständig. Schuhe aus. Einfach loslaufen. Irgendwie fühlt sich das nach Freiheit an.Jetzt sind die Ferien vorbei. Für viele hat das neue Schuljahr begonnen. Für manche ist es einfach die nächste Klasse. Für andere beginnt etwas ganz Neues: eine neue Schule, neue Mitschüler, neue Lehrer. Oder überhaupt das erste Mal Schule. Und ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, was dieses Schuljahr für mich bereithält. Wem ich begegnen werde. Welche Gespräche mich erwarten. Was gelingt und woran ich wachsen muss.Vielleicht fühlt sich jeder Neubeginn ein bisschen an wie barfuß laufen.Barfuß spürt man jeden Stein. Man merkt sofort, wenn der Weg uneben wird. Das macht verletzlich. Gleichzeitig nimmt man den Boden viel bewusster wahr. Man läuft anders. Aufmerksamer.Natürlich könnte ich auch dicke Sicherheitsschuhe anziehen. Die schützen. Aber sie machen die Schritte schwer. Und manchmal habe ich den Eindruck, wir ziehen uns im übertragenen Sinn genau solche Schuhe an. Wir wollen nichts falsch machen. Niemandem wehtun. Bloß nicht stolpern. Bloß nicht auffallen.Ich merke das bei mir selbst.Dabei beginnt ein neuer Weg selten damit, dass ich schon alles weiß. Er beginnt mit einem ersten Schritt.Und dann muss ich mich morgens tatsächlich entscheiden, welche Schuhe ich anziehe. Bequeme Sneaker? Etwas Festliches? Oder Wanderschuhe? Je nachdem, was der Tag von mir verlangt.Vielleicht ist das gar kein schlechtes Bild für den Glauben. Gott nimmt mir den Weg nicht ab. Aber er lädt mich ein, ihn zu gehen. Mal mutig. Mal vorsichtig. Mal leichtfüßig. Und manchmal eben auch barfuß.Ich wünsche mir, dass ich etwas von dieser Leichtigkeit des Sommers mit in den Alltag nehme. Nicht, weil das Leben immer leicht wäre. Sondern weil ich darauf vertraue, dass Gott jeden meiner Schritte kennt – auch die vorsichtigen. Auch barfuß.

Ich bin unruhig und nervös und ein bisschen ängstlich und verwundert und will trotzdem nicht hoffnungslos sein. Am Sonntag ist die Wahl in Sachsen-Anhalt und viele Menschen sind besorgt, dass eine undemokratische Partei scheinbar so viele Menschen überzeugt, dass sie eine gute Wahl wäre. Ich bin aus Thüringen und bekomme auch mit, wie schwierig es ist, zwischen dem lauten Gebrüll der wenigen und deren fremdenfeindlichen Gebaren all die vielen zu sehen und zu hören, die nicht so sind und die sich kümmern um eine freie und vielfältige Gesellschaft. Alles Für und Wider ist in den letzten Monaten hinlänglich besprochen und von allen Seiten angeschaut worden und ich war zwischendurch immer wieder entsetzt, wie, was, wer ganz ungestraft herumbrüllen kann und wie viele Menschen dann johlen und klatschen und gar nicht zu merken scheinen, welchen gefährlichen Leuten sie da auf den Leim gehen. Aber mit Hass und Hetze und populistischen Parolen kann man kein Land regieren. Und so mag ich bei aller Sorge in diesen Tagen vor dieser Wahl ein Gebet mit dir beten, das schon mehr als 110 Jahre alt und aktueller denn je ist: Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man hasst; dass ich verzeihe, wo man beleidigt; dass ich verbinde, wo Streit ist; dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist; dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht; dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält; dass ich Licht entzündete, wo Finsternis regiert; dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt. Herr, lass mich trachten nicht nur, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; nicht nur, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehen; nicht nur, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe. Denn wer sich hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

Er oder sie waren ganz Große in ihrer Zeit, ganz früher oder auch heute.Es gibt einige Menschen, denen haben über die Jahrhunderte Menschen den Titel: der oder die Große verliehen und Gregor war einer von ihnen.Er war Diplomat, Politiker, Mönch und dann der erste Mönchspapst der Geschichte, galt als genialer Krisenmanager, hat Europa ein neues Gesicht gegeben, war ein umtriebiger Briefeschreiber, (allein 850 von ihnen sind erhalten) er hat die Versorgung der Armen nach einer Überschwemmungskatastrophe im pestgeplagten Rom krisenfest umorganisiert, und die Liturgie neu geprägt. Von den Menschen seiner Generation wird er bald Gregor der Große genannt. Sich selber aber bezeichnet er ganz anders: Knecht der Knechte Gottes. In einem Brief, den er 39 Missionaren, die er zu den Angelsachsen auf die Insel gesandt hat, schreibt er: „Weder die Beschwerlichkeiten der Reise, noch das Gerede der Leute soll euch also abschrecken, sondern vollendet mit aller Anstrengung und aller Begeisterung, was ihr auf Gottes Antrieb begonnen habt.“ Seit dieser Zeit bis in die nächsten drei Jahrhunderte werden viele tausend Missionare und Wanderprediger nach Europa kommen und Religion, Bildung, Schrift, Verwaltung, Kunst und Kultur des Kontinentes entscheidend prägen.Wenn ich in solchen Lebensbeschreibungen lese, bin ich immer sehr erstaunt, was ein einzelner Mensch mit zunächst ruhigem Studium, dann einem energischen Umschwung in seiner Lebensweise und mit der ihm durch Wahl verliehene Macht erreichen und über Jahrhunderte zum Positiven prägen kann. Mir scheint sein Wort vom „Knecht der Knechte Gottes“ ein Synonym für sein Verständnis von Leitung und Leben im Allgemeinen: ich verstehe meine Arbeit als Dienst, erledige meine Aufgaben in bester Weise, schaue mit Neugier und Eifer in die Heilige Schrift, damit sie mir Ideen für das Zusammenleben der Menschen gibt und verstehe alles, was ich tue als Dienst an den Menschen. Und da bekommt das auch für mich Hand und Fuß und ist geeignet für alle, die nach Orientierung suchen für den Alltag und das normale Leben heute.

Eine junge Frau macht eine Ausbildung zur Krankenschwester und ist im dritten Jahr. Sie hat eine mündliche Zwischenprüfung und ist tagelang unruhig und aufgeregt, lernt viel und gönnt sich kaum Ruhe. Und jede und jeder von uns kann sich aus eigenem Erleben vielleicht daran erinnern. Und bevor sie losfährt, bittet sie darum, gesegnet zu werden, damit sie mit Gottes Segen in die Prüfung gehen kann. Und dann kommt sie strahlend wieder und ich brauche gar nicht zu fragen. Sie hat bestanden, mit Note 1,1. Ich habe unglaublich viel Achtung und Ehrfurcht vor ihr und vielen jungen Leuten, die hier eine Ausbildung machen und vorher erst die Sprache lernen mussten und dann noch, wie in diesem Fall, die vielen oft lateinischen Fachbegriffe. Und meine Beispielfrau ist indische Ordensfrau einer anderen Gemeinschaft, die seit drei Jahren mit uns im Konvent lebt. Und wir leben zusammen und beten, und kochen und essen und feiern und spielen und putzen und waschen und machen alles zusammen, was das Leben ausmacht. Und wir lernen unendlich viel voneinander von der je anderen Kultur und Familientradition, von den anderen Kochkünsten und Traditionen und auch von der jeweils anderen geistlichen Prägung unserer Ordensgemeinschaften. Es ist ein Geben und Nehmen und ein Zusammenhalt, der gut tut. Und nein, sie ist nicht Nutznießerin des Gesundheitssystems, wie der Bundeskanzler kürzlich gegenüber einer Kinderärztin behauptet hat, sondern jemand, die sich, wie viele Hundertausende auch, für Kinder, Kranke und alte Menschen einsetzt und ihr Herzblut, ihre Kraft und Intelligenz einsetzt, um sie zu pflegen und zu unterstützen, in allem, was sie brauchen. Für die Gebetszeiten im Stundenbuch gibt es immer wieder Vorschläge, worum wir beten können. Und heute ist einer der Vorschläge: „Unser Tagewerk sei dir geweiht; - gib, dass wir nichts Böses tun und kein Unrecht gutheißen.“ Nichts Böses tun wollen, ist bei den meisten Menschen die normale Gewissensentscheidung und durch Erziehung und Bildung grundgelegt. Aber die Bitte, uns dabei zu helfen, dass wir kein Unrecht gutheißen, wird immer wichtiger. Das schweigende Hinwegsehen über vieles, was Unrecht ist, ist nicht christlich und bleibt eine Daueranfrage für jede und jeden Christen heute.

Heute ist der erste September. Eigentlich ein normales Datum. Eigentlich. Aber ehrlicherweise verbinde ich und viele Menschen hierzulande dieses Datum eher mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939. Das Datum ist eingebrannt in unsere Geschichte und in unser einzelnes und kollektives Gedächtnis. Seit den 50er Jahren ist er Antikriegstag und in den 2000ern hatte man das Gefühl, eine breite Friedenspolitik in Europa wird den Frieden auf lange Zeit sichern. Leider wissen wir seit den russischen Überfällen auf die Krim und die Ukraine, dass der Krieg wieder da ist und die Bedrohung wieder näher rückt. Eine wirkliche Friedenspolitik scheint nicht mehr möglich, wenn ein Aggressor nur durch militärische Gegenmacht aufzuhalten ist. Das ist echt entmutigend. Die Botschaft des Papstes zum kommenden Weltfriedenstag lädt die Menschheit dazu ein, die Logik von Gewalt und Krieg abzulehnen und sich für einen echten Frieden einzusetzen, der auf Liebe und Gerechtigkeit basiert. Jeden Tag werden Menschen in Kriegen und Bürgerkriegen verletzt oder getötet. Jeden Tag sterben Menschen an Hunger und Not oder auf der Flucht, verursacht durch Kriege und bewaffnete Gewalt.Viele mühen sich, wenigstens eine Waffenruhe herbeizuführen, eine Basis zu finden, auf der eine friedlichere Zukunft vor Ort aufgebaut werden kann. Oft, viel zu oft, scheint dies völlig nutzlos zu sein. Unsicherheit macht sich breit, Angst. „Was ist zu tun? Ist auch der Friede bei uns bedroht?“, fragen sich viele Menschen.Mitten hinein in diese Situation ruft Papst Leo uns die Friedensbotschaft 2026 zu: „Friede sei mit euch“. So lautet der erste Teil der Botschaft. Zunächst denkt man dann: Diese Botschaft klingt so weit, so wenig spektakulär. Aber die Botschaft geht weiter: „... auf dem Weg zu einem unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“.Mit dem Geschenk des göttlichen Friedens, der auf Gerechtigkeit und Liebe aufbaut, ausgestattet, bin ich aufgefordert, mich auf den Weg zu machen – unbewaffnet, aber nicht hilflos und mit einem klaren Auftrag: für den entwaffnenden Frieden einzutreten und das meinige dafür zu tun, dass er Wirklichkeit werden kann: in Worten und Umgangsformen und in Taten, die friedlich und entgegenkommend sind, ohne Hass und Hetze.

Herzlich willkommen zum Gebet am Montag. Ich habe im Urlaub ein dickes Buch zum größten Teil, und hier zu Hause dann zu Ende gelesen. Es geht in diesem historischen Roman um den Dreikönigsschrein im Kölner Dom und seinen Erschaffer, einen Goldschmied aus Frankreich. Diese Geschichte hat mich entführt in die Zeit des 12. Jahrhunderts und das Leben in Köln und in Mitteleuropa damals, um viele echte handelnde und natürlich viele erdachte Personen dazu. Und die Zeitläufe damals waren verwirrend und zum Teil verstörend, geprägt von Kriegen und Feldzügen, von Machtspielen zwischen Erzbischöfen, Kaisern, Königen und Päpsten, zwischen Getreuen und Willkürlichen, zwischen Leben und Überleben, zwischen äußerer Frömmigkeit und wirklichem Glauben, zwischen Mord und Totschlag, zwischen Krankheiten und Katastrophen und Festen und Feierlichkeiten. Unglaublich vielfältig und atemlos scheinend. Und dazwischen dieser Goldschmied, der seinen Auftrag, diesen Dreikönigsschrein zu erschaffen, immer treu bleibt und mit vielen Stellen aus der Bibel seine Wahl der Personen belegt und immer wieder verteidigt, die auf den verschiedenen Seiten des Schreins erstehen sollen. Und an seinem Auftrag entlang erlebt er seinen Glauben und sein Zweifeln, wenn seine Frauen und Kinder ihn und seinen Glauben immer wieder auf die Probe stellen und er manchmal nicht mehr weiß, was wirklich gut und richtig ist. Und immer zwischendurch ist es mir leichtgefallen, Vergleiche zu ziehen zu heute und unserem Leben hier. In vielem, was wir tun und woran wir engagiert arbeiten, gibt es immer wieder Anfragen und Gegenwind und Unterstützung und Hilfe und immer wieder frage ich mich selbst an, wo und wie da meine Position ist. So ist Leben eben.Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth:"Als ich zu euch kam, kam ich nicht, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um euch das Zeugnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten. Zudem kam ich in Schwäche und in Furcht, zitternd und bebend zu euch." In Schwäche und Furcht, schreibt er, also nicht als Besserwisser und Alleskönner will er sein Zeugnis für Gott verbreiten und Christus verkünden. Das kommt dem Hauptdarsteller in meinem Buch und auch meinem und Deinem Verständnis von Leben aus dem Glauben wahrscheinlich ziemlich nahe.

Aus dem Zusammenhang gerissen, das ist eine der häufigsten Floskeln in hitzigen Diskussionen. Ein Satz, ein Zitat, ein Bild wird rein isoliert betrachtet und verliert dann seine eigentliche Bedeutung. Ähnlich geht es oft mit biblischen Texten. Nehmen wir die Geschichte von Martha und Maria: Schnell liest man sie als Gegenüberstellung: aktiv sein oder zuhören, helfen oder einfach da sitzen. Und sofort scheint Maria die Bessere zu sein. Martha bekommt nur noch eine Belehrung ab. Doch, das greift etwas kurz. Die Erzählung gehört in einen größeren Zusammenhang. Lukas schreibt direkt davor: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deinen Nächsten wie dich selbst." Zwei Geschichten folgen darauf: der barmherzige Samariter, ein Bild für gelebte Nächstenliebe, und Maria, die Jesus zuhört, ein Bild für gelebte Gottesliebe. Erst im Zusammenspiel wird deutlich: Wahre Liebe zu Gott lebt beides. Wahre Liebe zu den Menschen lebt beides. Martha steht für uns alle, die wir engagiert, pflichtbewusst und hilfsbereit sind, aber innerlich zerrissen, überfordert, hin- und hergerissen von Sorgen. Ihre Liebe ist echt, aber sie verliert das Wesentliche aus den Augen. Jesus ruft sie nicht zur Untätigkeit auf, sondern zur Neuordnung: Sorge nicht zuerst um das Viele, sondern nimm dir Zeit für das Eine. Maria dagegen zeigt uns: Hören ist der Ursprung der Liebe. Sie setzt sich zu Jesus. Damals ein Platz für männliche Schüler. Und wählt den guten Teil nicht, weil sie besser ist, sondern weil ihre Haltung zeigt, wo alles beginnt: in der Beziehung zu Gott. Wer die Geschichte von Martha und Maria nur isoliert liest, übersieht leicht ihren Sinn. Es geht nicht um ein Gegeneinander von Maria und Martha. Es geht darum, die rechte Ordnung zu finden. Aus der Gottesliebe erwächst die Nächstenliebe. Aus dem Hören wächst das Handeln. Wenn wir das im Blick behalten, dann gerät unsere Liebe nicht in Vergessenheit, dann wird sie ganz, ganz wie das Bild, das Jesus uns vorlebt: Gottesliebe, die uns Nächstenliebe möglich macht, und Nächstenliebe, die uns an die Liebe zu Gott erinnert.

Heute denkt die Kirche an die Enthauptung Johannes des Täufers, etwas platt gesagt könnte man sagen, er ist Opfer einer öffentlichen Bloßstellung geworden, eines Shitstorms, vielleicht nicht mit Social Media, aber dennoch in der Öffentlichkeit bloßgestellt.Manchmal werden Menschen bloßgestellt, öffentlich und vermittelt heute eben in Shitstorms, vor allem in Social Media. Und ich erlebe es als Hochschullehrer auch manchmal an der Uni. Da stellt sich die Frage: Wie gehen wir mit den scheinbaren Fehlern anderer um? Im Evangelium sehen wir Jesus in genau so einem Moment. Die Pharisäer bringen eine Frau zu ihm. Sie soll bloßgestellt werden. Gesetz oder Gnade, Prinzip oder Mitgefühl, sie wollen ihn in eine Falle locken. Doch Jesus reagiert mal wieder anders. Er schreibt auf den Boden. Er schaut nicht direkt in die Gesichter der Ankläger, sondern er wendet sich dem Boden zu. Manchmal ist es klüger, nicht sofort auf Provokationen zu reagieren. Distanz kann helfen, klar zu bleiben. Wie bei einer beleidigenden Nachricht in einer WhatsApp-Gruppe: sofort antworten oder erst einmal durchatmen? Dann spricht er den berühmten Satz: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Dieser Satz enthüllt die Heuchelei, ruft zur Selbstreflexion auf, nicht zur schnellen Verurteilung. Wer ist schon perfekt? Fehler in Prüfungen, kleine Schwächen, Missverständnisse. Jeder kennt das. Und dann die befreiende Gnade: Die Ankläger gehen, aber Jesus bleibt. Er vergibt. Er gibt eine Chance. Nicht die Sünde zu ignorieren, sondern: Du bist nicht nur definiert durch deine Fehler. „Geh und sündige nicht mehr“, sagt er. Gnade und Verantwortung gehen bei ihm Hand in Hand. Was bedeutet das für uns heute? In Freundschaften, in der Familie, im Studium, auf der Arbeit: Urteilen wir zu schnell oder erlauben wir Neuanfänge für andere und vielleicht sogar für uns selbst? Es ist eine Anleitung zu unserem Lebensstil der Gnade: nicht wegsehen, nicht alles entschuldigen, aber Zeit nehmen, zu verstehen, zu helfen, Mut zu machen – mit Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.

Herzlich willkommen zum Gebet am Freitag. Ich weiß ja nicht, wie es Dir geht, wenn Du Lebensbeschreibungen von bedeutenden Menschen liest oder Podcasts darüber hörst. Ich bin oft völlig erschlagen von all dem Vielen, was Menschen in ihrem Leben geleistet, geschrieben, erkannt und gelehrt haben, und frage mich immer, wie das in ein einzelnes Leben passt. So geht mir das auch mit dem Heiligen Augustinus, an den wir heute denken. Überliefert sind von ihm fast 1000 seiner Predigten, 113 Bücher und 218 Briefe. Aber es gibt einen Ausschnitt aus einem Vortrag und eine Geschichte über ihn, die Dir und mir vielleicht helfen, einen guten Start in diesen Tag zu schaffen. Und was bei mir manchmal hängenbleibt von einer Predigt, einem Vortrag, einem Artikel oder einem Buch, sind oftmals eher diese kurzen, bedeutenden Geschichten oder Begebenheiten. Und die vielleicht bekannteste kleine Story über den großen Augustinus geht so: Eine der zahlreichen Legenden erzählt, wie Augustinus am Strand des Meeres spazieren geht und in tiefes Nachdenken versunken einen kleinen Jungen sah, der mit einer Muschel Wasser schöpfte und in eine Sandgrube goss. Auf die Frage, was er denn da tue, antwortete das Kind: "Dasselbe, was du tust! Du willst die Unergründlichkeit Gottes mit deinen Gedanken ausschöpfen – ich versuche, das Meer auszuschöpfen!" Da wurde ihm klar, dass das unmöglich ist. Und dann spricht Augustinus von sich und seinen alltäglichen Aufgaben im Sermon 340, 3: "Unruhestifter zurechtweisen, Kleinmütige trösten, sich der Schwachen annehmen, Gegner widerlegen, sich vor Nachstellungen hüten, Träge wachrütteln, Händesuchende zurückhalten, Eingebildeten den rechten Platz anweisen, Streitende besänftigen, Unwissende belehren, Armen helfen, Unterdrückte befreien, Gute ermutigen, Böse ertragen, und – ach – alle lieben!" Das ist Programm für mehr als einen Tag, eine Woche, ein Jahr, für jeden Christen.

Hast Du eine Monika in Deinem Bekanntenkreis, oder heißt Du selbst so? Die Frau mit diesem Namen ist eine der außergewöhnlichen Frauen in der Kirchengeschichte. Es kommt nämlich nicht sehr häufig vor, dass im Heiligenkalender an Frauen gedacht, sie geehrt und gefeiert werden. Und wenn, dann sind es meistens Kaiserinnen und Königinnen, Ordensgründerinnen oder ähnliches.Heute aber wird an eine Frau gedacht, die bekannt geworden ist als Mutter des heiligen Augustinus. Und genau durch ihn und sein Buch der "Confessiones", der "Bekenntnisse", wissen wir ziemlich viel von ihr. Sie stammt aus einer christlichen Familie, heiratet und hat drei Kinder. Aber sie leidet sehr an ihrem Mann, der als jähzornig, unbeherrscht und regelmäßig Ehebruch begehend geschildert wird. Aber sie gibt ihn nicht auf und davon ist er so beeindruckt, dass er sich kurz vor seinem Tod bekehrt.Bei ihrem Sohn Augustinus war es so ähnlich. Ihm war in seinen wilden Jahren, als er sich vom katholischen Glauben abgewandt, eine Konkubine und mit ihr ein Kind hatte und nichts mehr von seiner Mutter wissen wollte, schon klar, dass sie ihn nicht verloren geben würde. Er wird später schreiben: "Sie weinte um mich mehr, als andere Mütter um ihre toten Kinder weinen."Er spürt, dass es ihr um seine unsterbliche Seele ging und sie mit Gott um ihn rang mit Glauben, Vertrauen und vielen Gebeten. Er sagt später, dass seine Mutter das geistige Rückgrat seiner Entwicklung war. Sie wusste, dass nicht Zwang und Belehrung, sondern Liebe, Gebet, Ausdauer und Geduld die wirksameren Mittel waren. Inständig und ausdauernd bestürmte Monika Gott in Gebeten, ihr Sohn möge zum Glauben finden. Und sie erlebt es noch. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod wird Augustinus in der Osternacht 387 im Dom von Mailand von Bischof Ambrosius getauft, jener Ambrosius, der ihr einmal gesagt hatte: "Ein Kind so vieler Tränen kann nicht verloren gehen." Und so wurde es. Aus diesem Sohn, um dessen Leben und Glauben sie so beharrlich gerungen hatte, wurde einer der größten Theologen der Kirchengeschichte.Ich kenne viele Mütter, die über die Wege ihrer Kinder nicht begeistert sind und auch darunter leiden. Und den meisten geht es wie Monika: Sie werden diese Kinder nicht aus ihrem Herzen reißen, sondern bleiben ihnen immer nahe, oft viele schwierige Jahre lang in Geduld und Ausdauer. Und manche beten genau für diese Kinder mehr als für alles andere. Das beeindruckt mich immer wieder sehr.

Singst Du eigentlich gern? Viele Leute werden bei dieser Frage eher nachdenklich und wissen es nicht so genau. Bei manchen ist noch eine Aussage des Musiklehrers im Kopf, der behauptet hat, dass Du nicht singen kannst und dann hast Du es gelassen. Andere sagen, ja unter der Dusche geht es ganz automatisch und man trällert vor sich hin. Da hört es ja keiner und es ist nur für mich allein. Außerdem gibt es nicht mehr so viele Gelegenheiten zu singen. Außer man geht sonntags zum Gottesdienst oder ins Stadion oder zum Konzert, wo Mitsingen der Inbegriff des Begeistertseins ist oder man singt tatsächlich in einem Chor oder oder.Am Sonntag waren 90 Sangesfreudige bei uns im Mutterhaus zum Sommersingen. Und es war ein sehr vergnüglicher Nachmittag mit Sommer-, Wander- oder heiteren Liedern zum Zusammenbleiben. Und dann habe ich in den Plauderpausen ein bisschen nachgefragt, warum denn Singen Spaß macht. Und da kamen sehr viele Antworten von denen, die meistens betont haben, dass das gemeinsame Singen durch Mark und Bein geht, Gänsehaut macht und einfach das Beste ist. Aber auch, dass man beim Singen auflebt und dass es mich frei macht, war eine Aussage.Singen macht Spaß, obwohl ich nicht gut singen kann, war eine erwartete Antwort und was mir sehr gefallen hat war: Es erfreut die Ohren. Wir Deutschen sind immer noch ein sangesfreudiges Völkchen und es gibt immer noch unendlich viele Chöre und Chorgemeinschaften. Einige Sprichwörter sagen auch etwas über das Singen. Mir gefällt davon am besten: "Gesang ist doppeltes Gebet". Und ich glaube nicht, dass damit nur fromme Kirchenlieder gemeint sind, sondern dass wir den Schöpfer damit loben, wenn wir unsere Stimme, die er uns ja gegeben hat, einfach zum Singen nutzen. Im Brief an die Kolosser heißt es so schön: "Ermutigt einander, indem ihr miteinander Psalmen und Lieder singt und damit Gott die Ehre gebt."Es ist also ganz einfach. Zusammen singen macht Spaß und bildet Gemeinschaft und entwickelt eine innere Kraft, die einfach umwerfend wohltut und Freude macht und Gott ehrt.

Begegnungen beleben oft sehr und geben Anstöße für eigenes Tun und Denken. In der Mittagspause auf einem Jubiläumsfest vergangene Woche hat mir beim Spaziergang eine Mitschwester Szenen aus ihrer Arbeit erzählt. Sie arbeitet in der Seelsorge für Menschen, die in Köln auf der Straße leben und von deren Problemen in den letzten unglaublichen heißen Wochen in der Stadt. Eines Tages ist sie mit einem Bollerwagen voller Wasserflaschen unterwegs gewesen, um an den ihr bekannten Treffpunkten Wasser anzubieten und zu verteilen. Und dabei hat eine Touristin aus New York sie beobachtet und angesprochen. Und als sie verstanden hatte, worum es hier geht, ist sie mitgegangen, hat geholfen und hat, als der Wagen leer war, im nächsten Geschäft einige Kisten mit Wasser gekauft und mit ihrem Geld bezahlt, damit weiterhin Wasser verteilt werden konnte.Ganz oft ist es genau so. Menschen erleben, dass es Probleme und Schwierigkeiten gibt und beginnen damit, an Lösungen zu arbeiten und etwas zu tun. Und meist ist sehr schnell ein kleinerer oder größerer Kreis von Menschen angesteckt von der guten Idee und macht mit. Vor fast 500 Jahren hat sich ein junger Priester und Jurist aus Spanien auf den Weg nach Rom gemacht. Und dort ist er völlig entsetzt von der Not und Verwahrlosung der Straßenkinder dort. In Trastevere beginnt er sofort mit einer Schule, die für alle Kinder dort kostenlos war. Und auch hier waren viele junge Leute so angetan von der Aufgabe und dem Engagement dieses Josef von Calasanza, dass sie mitmachen wollten und an diesem Werk für Kinder arbeiten. Also wurde eine Ordensgemeinschaft gegründet und über die nächsten Jahrhunderte gab es immer mehr Schulen für arme Kinder und die Lebensverhältnisse haben sich durch die dann gut ausgebildeten Jugendlichen stark verbessert.Begegnungen geben Anstoß zum eigenen Denken und Tun. Jesus sagt: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Manchmal ist es dann Wasser austeilen an Bedürftige, manchmal ist es eine Schule gründen für mittellose Kinder, manchmal ist es etwas ganz anderes, was Dir heute begegnet und was Dich anregt, aus diesem Wort heraus etwas zu tun.

Herzlich willkommen zum Gebet am Montag. Nach drei Wochen Urlaub bin ich nun wieder da, um mit Dir über Gott und die Welt, über das Leben und vieles, was unser Leben ausmacht, zu plaudern, Erfahrungen zu teilen und Ideen weiterzugeben, wie es gehen kann, den Glauben an Gott heute zu leben. In diesen letzten drei Wochen gab es vieles innerhalb und außerhalb meiner Urlaubsgegend. Thüringen ist einfach schön und ich habe mehrere kleine und größere Städte besucht. Einige, wo ich noch nie war, wie Schmalkalden, wo mir ganze Lichter aufgegangen sind über die Zeitläufe vor, während und nach der Reformation. Ich habe selten ein so schönes Städtchen und eine so kluge Ausstellung gesehen. Oder auch einige größere Städte, wo ich einzelne Sachen anschauen wollte, die sonst eher abseits des Weges der normalen Touris liegen. Und natürlich gab es Begegnungen und Erlebnisse, die eine solche Zeit so besonders machen. Mitten auf der Krämerbrücke in Erfurt geht eine Familie an mir vorbei und der jüngere Mann kommt zurück und fragt mich, ob ich eine Klarissin oder so etwas sei. Solch eine Schwester hat er schon mal in einem Film gesehen. Also sind wir mitten auf der belebten und bewohnten Brücke stehen geblieben und haben uns über Orden und Kirche und meine Aufgaben unterhalten und zum Ende hat er mir alles Gute gewünscht und ich ihm und seiner Familie auch. Schön war das, und wunderbar neugierig und herrlich vorurteilsfrei. Und ich habe in den Nachrichten natürlich auch ein wenig von den Zeitläufen außerhalb meiner Urlaubswelt mitbekommen. Es gab Brände wie schon jedes Jahr, und auch sehr große hier in Deutschland und in den Nachbarländern und anschließend Wasserfluten ungeahnten Ausmaßes. Die Waldbrände haben Flächen vernichtet, von denen wir nicht so eine richtige Vorstellung haben. Der Sommer war und ist immer noch heiß und weltweit zu trocken und wir ahnen, dass etwas geschehen muss, wenn unser schöner blauer Planet nicht verbrennen und vertrocknen soll. Als Kind und Jugendliche habe ich noch die Flurprozessionen erlebt, die singend und betend über die Felder gezogen sind und Gott um Bewahrung vor schädlichem Wetter und um eine gute Ernte gebeten haben. Das ist auch bis heute nicht falsch, aber es reicht nicht, wenn wir gleichzeitig zu viel Wasser verschwenden, Schadstoffe in die Luft jagen und schon im Juni den Anteil der Rohstoffe verbrauchen, den Mutter Erde in einem ganzen Jahr für uns ersetzen kann. Das eine tun, und das andere nicht lassen, ist zu allen Zeiten ein gutes Motto für uns Menschen und Christen. Tun, was in unseren Kräften und Möglichkeiten steht und Gott um seine Hilfe und seinen Segen bitten. Er wird es tun.

Sommerzeit ist Festivalzeit. Dieses Jahr war ich zum ersten Mal bei Rock am Ring. Was für eine Atmosphäre. Musik, die man nicht nur hört, sondern spürt. Die Bässe. Die Beats. Und diese vielen Menschen. Alle schwarz gekleidet, alle irgendwie entspannt. Ich kenne kaum eine Menschengruppe, die so friedlich und freundlich ist wie Rocker und Metaller. Ich gehe generell gern auf Konzerte, obwohl ich einen entscheidenden Nachteil habe: Ich bin ziemlich klein. In Menschenmengen habe ich selten den Überblick. Bei Rock am Ring waren rund 90.000 Menschen. Eine Zahl, die ich kaum greifen kann. Und das Verrückte ist: Man merkt sie gar nicht. Natürlich weiß ich, dass da Zehntausende sind. Aber ich sehe nur die Menschen direkt um mich herum. Ich höre die Stimmen in meiner Nähe. Ich nehme die paar Reihen vor und hinter mir wahr. Mehr nicht. Und trotzdem singen da Tausende denselben Song.Als ich später darüber nachgedacht habe, musste ich an die Kirche denken: Katholisch bedeutet ja "weltumfassend". Und genau das mag ich eigentlich am Katholischsein. Wenn ich im Urlaub irgendwo einen Gottesdienst besuche, dann finde ich mich meistens sofort zurecht. Die Abläufe, die Gebete, die Gesten – vieles ist vertraut. Egal, ob in Deutschland oder anderswo. Manchmal wirkt Kirche auf mich ziemlich klein. Dann sehe ich die Menschen in meiner Gemeinde, die vertrauten Gesichter in den Kirchenbänken, und denke: ganz schön wenige, ganz schön traurig. Aber eigentlich weiß ich, dass das nicht stimmt. So wie ich bei Rock am Ring nicht wirklich erfassen konnte, dass da 90.000 Menschen gemeinsam feiern, kann ich auch nicht erfassen, wie viele Menschen weltweit glauben, hoffen, zweifeln, beten und nach Gott suchen. Ich sehe nur meinen kleinen Ausschnitt. Vielleicht geht es vielen so. Wir nehmen vor allem das wahr, was direkt vor uns ist. Die Menschen in unserem Umfeld. Die, die wir kennen. Und vergessen dabei manchmal, dass wir Teil von etwas viel Größerem sind. Bei Rock am Ring habe ich das für einen Moment gespürt: Ich war eine von 90.000. Und trotzdem nicht verloren.

Ich versuche regelmäßig Blut spenden zu gehen. Das ist mir irgendwie wichtig. Und ehrlich gesagt fühle ich mich danach immer ziemlich gut. Klar, ich habe ja auch etwas Gutes getan. Bei einer meiner ersten Blutspenden bekam ich eine kleine Blechdose mit Minzbonbons geschenkt. Die Bonbons fand ich toll. Und die Dose auch. Die passte perfekt vorne ins kleine Ablagefach im Auto unter dem Radio. Da lag sie dann erstmal ziemlich lange herum. Irgendwann fiel mir auf, dass auf der Dose ein Bild eingeprägt war. Erst wirkte das einfach nur rot-orange auf mich. Das fand ich logisch. Blutspende, DRK – da passten die Farben für mich erstmal einfach zum Design. Aber als ich genauer hinschaute, erkannte ich die Szene sofort. Religionslehrerin eben. Es war der barmherzige Samariter. Ein fremder Mann hilft einem Verletzten, an dem andere längst vorbeigegangen waren. Er versorgt seine Wunden, bringt ihn in ein Gasthaus und bezahlt dafür, dass man sich weiter um ihn kümmert. Dann zieht er weiter. Und irgendwie fand ich den Vergleich zwischen mir und dem Samariter erstmal fast ein bisschen drüber. Ich habe doch nur Blut dagelassen. Mehr nicht. Ich habe noch nicht mal eine besonders seltene Blutgruppe. Ich habe einfach kurz die Augen zugemacht, als die Nadel kam, und danach eine Cola getrunken. Ich habe doch eigentlich gar nichts Besonderes getan. Und trotzdem blieb mir diese Dose lange im Kopf. Vielleicht, weil sie mich an etwas erinnert hat, das ich selbst oft vergesse. Wie oft denken wir eigentlich, wir hätten gar nichts verändert?Dabei wissen wir manchmal überhaupt nicht, was unser kleines Handeln bei anderen bewirken kann.Dabei reicht manchmal schon erstaunlich wenig: Ein bisschen Zeit. Ein offenes Ohr. Eine kleine Geste. Ein paar Worte. Für mich fühlt sich das oft klein an. Fast unbedeutend. Und vielleicht war es für jemand anderen genau das, was gefehlt hat. Der barmherzige Samariter macht ja eigentlich auch nichts Spektakuläres. Er zaubert nicht. Er nimmt dem Verletzten nicht plötzlich allen Schmerz. Er hilft einfach. So gut er eben kann. Und dann geht er weiter. Vielleicht liegt genau darin etwas Segen.Dass Hilfe nicht immer groß sein muss, um etwas zu verändern. Und dass wir oft gar nicht merken, wo wir anderen längst zum Segen geworden sind.

In den Sommerferien mache ich oft Dinge, zu denen ich sonst nie komme. Zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt. Ich bin da wirklich schlecht drin. Ich vergesse es. Ich ignoriere es. Und manchmal will ich vielleicht auch einfach gar nicht wissen, ob da irgendwas in mir schlummert. Und ehrlich gesagt sitze ich auch einfach unfassbar ungern in Wartezimmern. Vielleicht kennst du das ja? Es ist gar nicht die Langeweile. Die kriegt man heute mit dem Smartphone sowieso besser rum als früher mit den abgegriffenen Zeitschriften auf dem Tisch. Es ist eher dieses Gefühl von: Hoffentlich steckt man sich hier nicht mit irgendwas an. Genau aus dem Grund fällt es mir manchmal auch schwer, in Krankenhäuser zu gehen. Für mich sind das oft Orte potenzieller Ansteckung. Wie widersprüchlich eigentlich. Ich gehe ungern zur Vorsorge und habe gleichzeitig Angst, mich anzustecken. Und vielleicht steckt darin etwas Größeres. Denn Krankheit macht oft einsam. Krankheit grenzt aus. Das merke ich auch in der Schule. Wenn Lernende länger krank waren und zurückkommen, dann sind sie oft erstmal "die, die lange weg waren". Man ist rausgefallen. Man muss wieder Anschluss finden. Und ich merke diese Berührungsängste auch bei mir selbst. Wenn ich im Wartezimmer unruhig auf meinem Stuhl hin und her rutsche. Oder wenn ich manchmal gar nicht möchte, dass andere merken, dass es mir vielleicht selbst nicht gut geht. Krankheit schafft Distanz. Zwischen Menschen. Zwischen dem, was man zeigen will, und dem, was wirklich ist. Und genau deshalb berührt mich Jesus an dieser Stelle so sehr. Denn Jesus hatte diese Berührungsängste nicht. Er hat Menschen berührt, die längst ausgeschlossen waren. Menschen, denen andere lieber aus dem Weg gegangen sind. Kranke Menschen. Einsame Menschen. Menschen, die niemand mehr anfassen wollte. Und genau dort beginnt plötzlich wieder Beziehung. Ich glaube, das ist eines der größten Wunder: Dass Gott keine Angst vor Nähe hat. Keine Angst vor dem, was verletzt, krank oder zerbrochen ist. Gott hält Abstand nicht aus, sondern überwindet ihn.

Wenn man jetzt in den Ferien an der Autobahnauffahrt Brühl-Süd vorbeifährt, dann sieht man dort morgens oft lange Schlangen. Alle wollen in den Freizeitpark. Ein Ort voller Achterbahnen, Themenwelten und Abenteuer. Wir fahren da auch manchmal mit Schulklassen hin. Ich selbst bin allerdings eher nicht so der Achterbahn-Fan. Mir reicht schon eine kurvige Autofahrt durch die Eifel und mir wird schlecht. Deshalb bin ich oft diejenige, die wartet, während die anderen fahren. Und ehrlich gesagt mag ich das sogar ein bisschen. Nicht das Warten an sich. Aber das Beobachten. Das Staunen. Diese Freizeitparks sind ja mit unglaublich vielen Details gestaltet. Überall Musik, Kulissen und kleine Welten, in die man eintaucht. Beim letzten Besuch in besagtem Freizeitpark stellten sich mein Mann und meine Schwester direkt morgens an einer Achterbahn an. Ich nahm Handys, Taschen und alles, was sonst der Schwerkraft zum Opfer gefallen wäre, holte mir einen Kaffee und setzte mich auf eine Bank. Und dann begann ich einfach die Menschen zu beobachten. Dafür gibt's in meiner Familie sogar einen extra Begriff. „Äppen“. Ein junger Mann ist mir dabei besonders aufgefallen. Ich musste direkt grinsen. Er betrat diese Themenwelt mit so einer Begeisterung, als wäre er gerade in einem Film angekommen. Der Mund stand offen, die Augen weit aufgerissen. Und bei dieser epischen Musik stemmte er die Hände heroisch in die Hüften. Dabei sah er eigentlich gar nicht so aus wie jemand aus einem Abenteuerfilm. Mit Regenjacke um die Hüfte gebunden und einem Rucksack auf dem Rücken wirkte er eher wie irgendein ganz normaler Besucher. Aber genau das fand ich so schön. Er sah gar nicht so aus, wie er sich scheinbar fühlte. Und die meisten Menschen um ihn herum haben das wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Aber ich hatte ihn irgendwie im Blick. Und seine Freude hat mich plötzlich selbst angesteckt. Und vielleicht ist Gott genauso. Vielleicht sieht Gott uns viel genauer, als wir selbst denken. Nicht nur das Außen. Nicht nur das, was andere wahrnehmen. Sondern auch das, was in uns lebendig ist. Unsere Freude. Unser Staunen. Unsere Begeisterung. Vielleicht schaut Gott uns manchmal genau in solchen Momenten an und freut sich einfach mit. Nicht von weit weg. Nicht über uns. Sondern mitten in unserem Leben.

Kennst du das? Du gehst durch die Stadt. Oder suchend durch den Supermarkt. Und plötzlich fühlt sich alles an deinem Gehen falsch an. Weil da jemand ist, den du kennst. Oder jemand, bei dem du nicht weißt, ob man sich jetzt grüßen müsste.Und auf einmal denkt man über Dinge nach, über die man sonst nie nachdenkt.Wie man geht.Wohin man schaut.Was die Hände machen.Ob man gerade zu schnell läuft.Oder krampfhaft locker wirken will.Plötzlich fühlt sich sogar normales Gehen wie Schauspielern an. Als würden alle hinschauen.In der Psychologie gibt es dafür einen Begriff: Spotlight-Effekt. Weil wir oft glauben, viel stärker im Mittelpunkt zu stehen, als wir es tatsächlich tun.Und ehrlich gesagt: Ich finde dieses Rampenlicht meistens gar nicht schön. Es macht mich eher unsicher. Als würde ich beobachtet statt einfach gesehen.Vielleicht fällt es manchen Menschen deshalb auch schwer, an Gott zu glauben. Weil die Vorstellung unangenehm ist, ständig im Blick zu sein.Ich selbst glaube aber nicht an einen Gott, der mich bloßstellt. Nicht an ein kaltes Scheinwerferlicht, das alles sichtbar macht und mich dabei klein werden lässt. Eher an ein warmes Licht. Eins, das nicht entblößt, sondern Orientierung gibt. Das mich nicht vorführt, sondern freundlich ansieht.Und manchmal reicht mir dieser Gedanke schon, wenn ich mich wieder zu sehr im Blick der anderen verliere. Dass da einer ist, der mich sieht, ohne dass ich mich verstellen muss.Ein Licht, das ich Gnade nenne.

Heute ist unser Hochzeitstag. Aber nur der "kleine" Hochzeitstag. Ich habe vor einigen Jahren ganz bewusst in den Sommerferien standesamtlich geheiratet. Ich dachte damals: Dann ist das mit dem Namenswechsel für alle einfacher. Und ehrlich gesagt, hatte ich davor schon ein bisschen Angst. Nicht vor der Ehe. Aber davor, plötzlich anders zu heißen. Nicht mehr wie meine Schwester. Nicht mehr wie meine Mutter. Und dann auch noch mit einem Nachnamen, den ständig jemand falsch ausspricht.Ein Name ist eben Identität. Und ich glaube, ich hatte wirklich Sorge, mich plötzlich irgendwie anders zu fühlen. Diese große Identitätskrise blieb allerdings aus.Die standesamtliche Trauung selbst war wunderschön. Es wurde viel gelacht. Freunde standen plötzlich mit Blumen vor der Tür und überraschten uns. Abends wollten wir noch gemeinsam feiern.Und trotzdem saßen mein Mann und ich danach irgendwann alleine im Auto und sagten beide fast gleichzeitig: "Wow … war das jetzt alles?" Nicht enttäuscht. Aber irgendwie überrascht davon, wie normal sich alles anfühlte. Ich war immer noch ich. Und er war immer noch er. Und dann hatte ich plötzlich zwei Wochen Zeit, mich komplett hineinzusteigern, dass die kirchliche Hochzeit jetzt bestimmt DAS große, alles verändernde Ereignis werden müsste. Und ja … irgendwie wurde sie das auch. Bis heute feiern wir beide Hochzeitstage. Einen im August und einen im September. Aber das eigentliche Versprechen, das uns verbindet, das gab es nur einmal.Und vielleicht ist genau das das Besondere an Versprechen. Sie verändern nicht plötzlich den ganzen Menschen. Aber sie schaffen etwas Neues zwischen Menschen. Eine Verbindung. Eine Wirklichkeit, die vorher noch nicht da war. Vielleicht spürt man das gerade deshalb bei einer kirchlichen Trauung so stark. Weil dort nicht nur zwei Menschen nebeneinander stehen und etwas unterschreiben. Sondern weil aus Worten plötzlich etwas Wirkliches wird.Ein "Ich bleibe." Ein "Ich gehe mit." Ein "Ich liebe dich."Und ich glaube, genau dort ist Gott. In diesem Sakrament. In der Wirklichkeit, die die Eheleute sich gegenseitig schenken.

Immer wenn ich im Sommer viele Schmetterlinge sehe, dann muss ich an Erdbeben denken. Komisch eigentlich. Denn ich finde Schmetterlinge wunderschön. Und sogar mein Vorname ist von einer Schmetterlingsart abgeleitet. Warum also ausgerechnet Erdbeben? Irgendwann habe ich mal aufgeschnappt, dass viele Schmetterlinge Vorboten für Erdbeben sein sollen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber kennst du das? Manche Gedanken verbinden sich mit etwas – und dann wird man sie kaum noch los. Schmetterlinge und Erdbeben.Und wenn ich weiterdenke, dann steckt da vielleicht mehr drin als ich zuerst gedacht habe. Denn so ein Schmetterlingsleben ist ja eigentlich auch eine Erschütterung. Am Anfang ist da diese kleine Raupe. Ganz nah an der Erde. Langsam unterwegs. Versteckt zwischen Blättern, damit sie niemand entdeckt. Und sie frisst und frisst, wird größer, schwerer … vermutlich ist das alles ziemlich mühsam.Und dann passiert etwas, das ich fast beneidenswert finde. Diese Raupe verwandelt sich. In einen Schmetterling. Aber auch das ist ja keine sanfte Veränderung. Das ist ein Umbruch. Eine Verwandlung, die alles durcheinanderbringt. Im Kokon geschieht etwas, das wir kaum verstehen können. Und ich frage mich: Weiß der Schmetterling eigentlich noch, dass er einmal eine Raupe war?Ich glaube, ich muss gar nicht neidisch sein. Denn diese Verwandlung ist bestimmt nicht nur schön. Sondern auch anstrengend. Vielleicht sogar schmerzhaft. Und auf jeden Fall: erschütternd. Und genau deshalb ist der Schmetterling ja auch so ein starkes Bild. Gerade im Glauben. Für Auferstehung. Für Veränderung. Für dieses: Es wird nicht einfach nur anders – es wird neu. Eine Veränderung, die leicht machen kann. Die uns fliegen lässt. Die etwas bewegt. Manchmal sogar mehr, als wir denken.Es gibt diesen Gedanken, dass ein Flügelschlag eines Schmetterlingsirgendwo auf der Welt etwas Großes auslösen kann. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber ich mag die Vorstellung. Dass etwas Kleines eine Wirkung haben kann, die größer ist als es selbst. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Verbindung. Nicht Erdbeben und Angst. Sondern Erschütterung, die etwas in Bewegung bringt.

Der Schriftsteller Arno Schmidt hat über Jesus geschrieben: "Lebe erst einmal und lerne und komme in 30 Jahren wieder." Für Schmidt ist Jesus belanglos, aus einem unbedeutenden Zwergstaat, keine Kultursprache sprechend, keine Bildung, ein barbarischer Dialekt und so schreibt er weiter: "Die Persönlichkeit des Mannes, nach dem sich 30 Prozent der Menschheit nennt, genügt mir nicht." Ein Journalist nannte das später Blasphemie auf höchstem Niveau und doch ist es interessant. Gerade diese scheinbare Belanglosigkeit lässt Jesus bis heute nicht los. Dichter wie Arno Schmidt, Kritiker wie Nietzsche oder Feuerbach, Atheisten und Andersgläubige, sie alle reiben sich an ihm; nicht an Macht oder Erfolg, sondern an seinem Lebensgefühl, denn Jesus lebt anders. Er hält das Leben nicht fest, um es zu sichern. Er gibt es hin, um es zu schenken.Im Johannesevangelium heißt es: "Aus seiner Seite flossen Blut und Wasser." Zeichen neuen Lebens für die Welt, Zeichen dafür, dass Gott nicht verschließt, sondern sich öffnet. Man wirft uns Christen manchmal vor, wir würden die Wirklichkeit verdrängen, aber der Glaube spricht eigentlich eine andere Sprache. Er macht das Leid nicht kleiner, das Unrecht nicht harmlos und das Böse nicht gut. Aber er setzt ein neues Lebensgefühl dagegen, dass es sich lohnt, für das Leben sich einzusetzen, dass jeder Mensch zählt, dass kein Leben belanglos ist. Oder anders: Dein Leben ist wichtig. Du bist bedeutungsvoll, du bist ein geliebtes Kind Gottes, eine geliebte Kind-Tochter, ein geliebter Sohn.Papst Benedikt XVI. hat dieses Lebensgefühl einmal so beschrieben: "Er ist Gott, Licht vom Licht. Um in das ewige Leben einzugehen, muss man auf Jesus hören ihm nachfolgen und dabei in der Hoffnung stehen." Daraus kommt eine persönliche Frage: Was macht Jesus eigentlich für dich aus? Und welches Lebensgefühl gibt er deinem Leben?

Erinnerst du dich noch an den Struwwelpeter? Aus dem Haus der Großeltern ist er vielen von uns in lebendiger Erinnerung geblieben. Er ist keine moderne Erziehungsliteratur, aber voller Geschichten, die irgendwie nachwirken. Eine hat mich besonders geprägt: die Geschichte vom Hanns Guck-in-die-Luft. Hanns läuft durch die Welt und starrt oberflächlich in den Himmel. Er ist verträumt, fasziniert von den Wolken, völlig abwesend. Wir bewerten das heute schnell als Unaufmerksamkeit. Doch eigentlich zeigt Hanns eine zutiefst menschliche und schöne Haltung: das Aufschauen, das sich Öffnen für das Größere das Höhere, das über unseren oft grauen Alltag hinausweist. Aber wir wissen, wie es ausgeht. Weil Hanns den Blick nicht senkt, übersieht er die Realität, stolpert und fällt ins Wasser. Er vergisst die Erde. Dabei gehören Himmel und Erde doch zusammen.Das zeigt uns das heutige Fest, dass wir in der Kirche feiern: die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel. Maria wird ganz mit Leib und Seele in die göttliche Herrlichkeit aufgenommen. Ihre Seele schaut auf das Ewige, den Himmel, aber ihr Leib steht zutiefst für das geerdete Leben. Maria war kein weltfremder Hanns Guck-in-die-Luft. Ihr Alltag war fest verwurzelt in der harten Realität ihrer Zeit als Tochter, als Mutter, als Frau in einer einfachen Gemeinschaft. Sie erlebte tiefe Freude, aber auch bitteres Leid.Wenn sie in ihrem berühmten Lobgesang, dem Magnificat, Gott preist, dann dankt sie ihm nicht nur für eine Flucht aus der Welt, sondern für seine Gerechtigkeit hier auf der Erde. Glauben und Hoffnung bleiben genau dann lebendig, wenn wir beides zusammenhalten, den Blick nach oben und den Blick für die Menschen hier unten. Darin ist uns Maria eine wunderbare Begleiterin. Sie lädt dich ein, den Blick vertrauensvoll nach oben zu richten, Kraft im Glauben zu suchen und genau daraus die Stärke zu schöpfen und mit offenen Augen, helfenden Händen und mit einem klaren Herzen mitten in der Welt zu leben.

Wenn wir heute in der Kirche an den heiligen Maximilian Maria Kolbe, an diesem großen Bekenner und Märtyrer des Zweiten Weltkriegs, der nationalsozialistischen Herrschaft, zurückdenken, dann wird es neben Gottesdiensten auch manches Mal Schweigeminuten geben. Schweigeminuten gehören zu unserer Kultur, ob Jahreshauptversammlung oder Volkstrauertag, wenn etwas Schreckliches geschieht, ein Unglück, ein terroristischer Anschlag. Wenn wir uns an etwas zurückerinnern, was unser Herz treffen will, halten wir inne, halten wir Schweigeminuten.Schweigen, das ist vielleicht auch die angemessenste Form, auf solche Sachen zu antworten, wie sie beim heiligen Maximilian Maria geschehen sind. Es ist auch mehr als die Abwesenheit von Sprache. Es ist eine bewusst eingesetzte Form der Kommunikation, ein Zeichen innerer Einkehr und Erinnerungen. Vielleicht fällt es uns heute besonders schwer damit. Denn unsere Gesellschaft kommentiert alles. Alles wird bewertet, geurteilt, geteilt, oft in Sekunden. Die Kommentarflut im Internet auf sozialen Medien vermittelt den Eindruck, Schweigen ist Zeitverschwendung. Dabei, so glaube ich, ist genau das Gegenteil der Fall: Das Schweigen auszuhalten, die Leere auszuhalten ist wichtig. Es lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das, was zählt. Wir gedenken der Toten, der Verstorbenen nicht, um sie zu bewerten, sondern um ihnen und ihrem Leben die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Wir erinnern uns an Opfer von Gewalt und Verbrechen, wir erinnern uns an Tote von Weltkriegen, wir erinnern uns an jene, deren Leben durch Katastrophen und Gewalt zerstört wurden. Wir erinnern uns heute an Maximilian Maria Kolbe, an den, der für den Familienvater in den Hungerbunker von Auschwitz gegangen ist.Und wenn wir die Menschen auch nicht kannten, an die wir uns erinnern, geht es um ihre Menschenwürde, um ihr unersetzliches Leben. In dieser Erinnerung bewahren wir Würde, Hoffnung und bewahren wir, dass Gott uns geborgen hält. Schweigen ist nicht Leere. Schweigen ist Aufmerksamkeit. Schweigen ist Erinnerung und vielleicht gerade in diesem Moment lernen wir, dass Aufmerksamkeit und Ehrfurcht über unsere menschlichen Worte hinausgehen. Schweigen zeigt, wir haben innegehalten, wir haben erinnert, wir haben zugelassen, dass das Leben anderer, auch wenn es vergangen ist, Bedeutung behält.

Die Fernsehserie "Breaking Bad", die von 2008 bis 2013 ausgestrahlt wurde, erzählt die Geschichte von Walter White, einem Chemielehrer. Er ist mittellos, hat ein junge Familie und lebt zunächst ein unscheinbares alltägliches Leben. Dann erhält er die Diagnose Krebs, unheilbar. Plötzlich steht alles Kopf. Er trifft eine Entscheidung. Er beginnt Crystal Meth herzustellen, anfangs nur, um seine Familie abzusichern.Doch aus dieser Not entwickelt sich eine Spirale, die ihn immer tiefer in Gewalt, Machtspiele und kriminelle Machenschaften zieht; nicht, weil er böse sein will, sondern weil gut gemeinte Handlungen und unüberlegte Entscheidungen außer Kontrolle geraten. Die Geschichte zeigt eindrücklich, wie schnell ein Leben auf die schiefe Bahn geraten kann. Kleine Entscheidungen, die harmlos oder sinnvoll erscheinen, können große Folgen haben und oft merkt man erst im Rückblick, wohin der Weg wirklich geführt hat.Wie kann man dem begegnen? Nicht durch Ehrgeiz oder den Versuch alles unter Kontrolle zu behalten, sondern durch bewusstes Handeln, Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen bedenken. Es geht darum, Entscheidungen ernst zu nehmen, statt sie auf äußere Umstände zu schieben und den richtigen Moment zu erkennen, bevor die Situation außer Kontrolle gerät.Edward A. Murphy, ein amerikanischer Raketenforscher, formulierte im Jahr 1949 das berühmte Murphy-Gesetz: Alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen. Das erinnert uns daran, aufmerksam zu sein, unsere Schritte zu prüfen und Fehler frühzeitig zu korrigieren. Doch es gibt auch einen positiven "turning point". Auch wenn manches schiefgeht, können wir den richtigen Weg finden. Paul Watzlawick erzählt einmal von einem Mann, der alle 10 Sekunden in die Hände klatscht, um Elefanten zu verscheuchen, obwohl gar keine da sind. Wer verzweifelt Probleme vermeiden will, verstärkt sie oft. Nur wer bewusst handelt, Verantwortung übernimmt und Entscheidungen überdenkt, kann Situationen verändern und den eigenen Weg korrigieren. Auf die richtige Bahn geraten heißt also Verantwortung übernehmen, Perspektiven wechseln, bewusst handeln und Chancen nutzen. Kleine Schritte können große Wendungen auslösen und manchmal entscheidet genau das, wohin unser Leben wirklich führt.

Heute Abend ist es soweit: Die größte partielle Sonnenfinsternis hier in Europa seit 1999. Solche Tage bringen auch immer mit sich, dass die Menschen auf das Leben an sich schauen. Viele Menschen stellen sich die Frage: Willst du ewig leben? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Was bedeutet ewiges Leben überhaupt? Eine unendliche Verlängerung dessen, was wir jetzt leben mit all seinen Sorgen Brüchen und offenen Wunden?In dieser Sommerzeit denken wir auch an Maria von Magdala. Sie ist ein eindrückliches Beispiel für diese Frage. Sie kommt früh am Morgen an einen Ort, an dem alles endgültig scheint. Sie sucht jemanden, von dem sie dachte, dass alles vorbei sei. Wer wälzt mir den Stein vom Grab weg, fragt sie. Der Stein steht für das, was unüberwindbar scheint: Verlust, Scheitern und Tod. Maria hat viel erlebt. Sie hat Heilung erfahren. Ihr Leben wurde neu ausgerichtet. Und dennoch: Vor ihr liegt wieder ein Abgrund. Erst die Begegnung mit dem Auferstandenen, das Wort, dass sie hört, öffnet ihr Herz. "Er ist nicht hier." Sie erkennt ihn zunächst nicht, hält ihn für den Gärtner. Ein starkes Bild. Der Schöpfer am Werk. Eine neue Schöpfung beginnt. Mitten im Garten, mitten im Leben.Ewiges Leben ist kein Versprechen, sondern beginnt dort, wo ein Mensch sich berühren lässt, wo Angst sich verwandelt in Vertrauen, wo Trauer nicht das letzte Wort behält. Maria von Magdala wird zur Zeugin, nicht, weil sie alles versteht, sondern weil sie sich senden lässt. Ewiges Leben heißt nicht, alles bleibt, wie es war, ewiges Leben heißt, ich darf anders leben aus der Liebe mit Hoffnung in Beziehung und so stellt sich dann auch an uns immer wieder diese Frage: Willst du ewig leben?

Korinth war eine wohlhabende multikulturelle Hafenstadt. Unterschiedlichste Strömungen trafen dort aufeinander: griechisches Denken, das den Geist über den Leib stellte, Mysterienkult mit geheimen Ritualen der Kaiserkult mit seinem Streben nach Macht und Anerkennung und die jüdische Tradition in der Diaspora. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in der christlichen Gemeinde wider. Sie war lebendig, aber konfliktreich. Es gab Gruppenbildungen, Zweifel, geistlichen Hochmut, aber auch Beliebigkeit im Leben und im Glauben. Paulus schreibt genau in diese Situation hinein; nicht belehren von oben, sondern seelsorglich und klar. Er ruft die Gemeinde zurück zur Mitte, nicht zu einer Idee, nicht zu einer bestimmten Person, sondern zu Jesus Christus, gekreuzigt und auferstanden. Das ist sein Fundament. Das soll das Fundament der Gemeinde von Korinth, das kann auch unser Fundament sein."Ich erinnere euch an das Evangelium", schreibt Paulus. Nicht als Rückblick auf etwas Vergangenes, sondern als Erinnerung an das, worauf sie stehen. Glaube ist keine Nostalgie. Er ist Kraft für das heute. Im Herzen steht für den christlichen Glauben: Christus ist gestorben und er ist auferweckt worden; nicht als Mythos, nicht als schönes Symbol, sondern als bezeugte Wirklichkeit, die Leben verändert und neu ausrichtet. Paulus nennt die Zeugen: Kephas, die Zwölf, viele andere und zuletzt sich selbst. Auch der Unvollkommene, der Späte, der Zweifelnde, er wird berufen. Die Begegnung mit dem Auferstandenen verändert, damals wie heute."Das ist unsere Botschaft und euer Glaube", so schreibt Paulus im Korintherbrief. Glaube ist keine Theorie. Er ist Beziehung, Festhalten auch in Fragen, im Ringen und im Zweifeln. Die Gemeinde in Korinth war alles andere als perfekt und gerade darin kann sie uns nahe sein. Auch wir sind eine bunte, eine suchende Gemeinschaft als die Kirche; mit Spannungen und unterschiedlichen Prägungen und offenen Fragen. Was uns eint, was uns einen soll, ist dieses eine Fundament: der Glaube an Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Dieser Glaube ist kein Zusatz für besonders schöne Tage. Er ist der Grund, auf dem wir stehen und die Kraft, aus der wir leben. "Ich erinnere euch an das Evangelium, an das Evangelium von der Auferstehung, denn Christus ist gestorben und er ist auferweckt worden."

Es ist schön, etwas zu wissen, es ist gut gebildet und intelligent zu sein. Immerhin gehen wir in die Schule, um das zu fördern. Schön und gut - und zugleich aber auch gefährlich, denn das cleverste Argument wird bedenklich, wenn es nur dazu dient, Recht zu haben und nicht dazu, in der Wahrheit zu leben. Manchmal drehen wir die genialsten Gedankenoperationen, nur um einer einzigen Frage aus dem Weg zu gehen: Wer bin ich? Bei den Sadduzäern, der Elite im Israel der Zeit Jesu, scheint es ein wenig so gewesen zu sein. Sie streiten gerne, aber nicht, weil ihnen wirklich etwas am Glauben liegt, möchte man ihnen zumindest unterstellen, sondern weil es ihnen um Macht, Einfluss und den Schein geht. Glaubensinhalte selbst sind nebensächlich, Werte sind wichtig, das Drumherum nicht. Und dazu gehörte auch die Vorstellung von der Auferstehung. Für sie bedeutete ewiges Leben nur, dass es nach dem Tod irgendwie weiter geht wie bisher, nur ohne Ende.Jesus aber denkt anders. Für ihn ist jeder Mensch wertvoll, wertvoll ist, dass wir in Beziehungen leben und lieben, dass wir leben und geliebt werden. Ewiges Leben ist nicht etwas, das wir uns durch tugendhaftes oder werteorientierendes Handeln verdienen. Nein, Ewiges Leben ist geschenkte Beziehung, es ist die Einladung an jener Welt teilzuhaben, an der Auferstehung, an Gott selbst, dem Ewigen.Vielleicht öffnet das die Frage nach Glauben und Werten noch einmal neu. Macht es Sinn gut zu handeln, wenn es kein Ewiges Leben gibt, keine Verantwortung, keinen Gott, der über uns wacht? Die Botschaft Jesu ist klar, Leben ist nicht einfach nur ein immer „Weiter so“, es ist endlich und vollendet. Und wir? Wir sind eingeladen, es in dieser Wahrheit zu leben, nicht nur für uns selbst, sondern in Beziehung zu Gott und untereinander.

Unterm Sonnenschirm wird man trotzdem braun. Das sage ich hier zuhause ständig. Man muss sich ja nicht mitten in die pralle Sonne setzen. Wobei manche das trotzdem lieben. Stundenlang. Ohne Schatten. Ohne Sonnencreme. Und hinterher wundern sie sich über den Sonnenbrand. Den man immer erst viel später nach dem Sonnenbaden bemerkt. Ganz ohne Schutz — das ist eben doch gefährlich. Und manchmal denke ich: Mit Menschen ist das ähnlich. Es gibt Menschen, bei denen man sich sicher fühlt, ohne dass sie einen einengen. Die nicht alles von einem fernhalten. Aber die trotzdem da sind. Wie ein Sonnenschirm eben. Die Sonne ist noch da. Das Leben auch. Der Stress. Die Fragen. Die Verletzungen. Aber es trifft einen nicht ganz so ungeschützt. Manchmal merken wir allerdings erst spät, wie sehr wir so einen Schutz eigentlich brauchen. Weil wir lieber stark wirken wollen. Weil wir denken, wir müssten alles alleine schaffen. Oder weil wir Angst haben, anderen zur Last zu fallen. Und dann gibt es diese stillen Menschen, die einfach bleiben. Die nicht sofort Lösungen haben. Aber Nähe. Ruhe. Aufmerksamkeit. Vielleicht können Menschen füreinander genau das sein: ein bisschen Schatten in zu großer Hitze. Und vielleicht ist das auch der Gedanke hinter den Schutzpatronen. Menschen, die selbst geglaubt haben, dass sie getragen und beschützt sind von Gott. Nicht vor allem bewahrt. Aber eben nicht allein. Ich glaube nämlich: Wer sich selbst beschützt weiß, kann oft auch andere besser beschützen. Nicht perfekt. Nicht immer stark. Aber da. Vielleicht ist Glaube manchmal genau das. Nicht die Sonne verschwindet. Aber jemand achtet darauf, dass wir nicht verbrennen.

Manchmal ist man länger am Flughafen als später in der Luft. Und ich mag das eigentlich.Dieses Warten. Dieses Dazwischen.Kinder stehen an den großen Fenstern und beobachten staunend die Flugzeuge beim Starten und Landen. Menschen ziehen mit viel zu großen Rucksäcken vorbei. Irgendwo riecht es nach Kaffee und Fernweh.Mich packt das dann sofort.Dieses Gefühl, dass man einfach wegkönnte.Ein paar Stunden später könnte und wird vielleicht alles anders aussehen. Andere Straßen. Anderes Licht. Vielleicht auch ein anderes Lebensgefühl.Flughäfen sind Sehnsuchtsorte.Vielleicht auch ein bisschen Fluchtorte.Für einen Moment lässt man den Alltag zurück. Die Termine. Die Sorgen. Das, was zu eng geworden ist.Und trotzdem warten manche Dinge nach dem Rückflug wieder zuhause. Spätestens dann, wenn man in Deutschland landet und merkt, dass die Sommerkleidung plötzlich nicht mehr passt.Ich frage mich manchmal, ob Glaube auch so etwas sein kann: eine kurze Flucht aus dem Alltag.Aber vielleicht geht es gar nicht darum, wegzukommen.Vielleicht braucht man manchmal nur Abstand, um wieder klarer sehen zu können. Um sich neu auszurichten.Beten, Rituale, Gemeinschaft — das alles hat für mich nur dann wirklich mit Glauben zu tun, wenn es wieder zurückführt ins Leben. In den Alltag. In Beziehungen. In eine Haltung, die offener und aufmerksamer macht.Dann ist Glauben keine Flucht.Sondern eher wie dieses Staunen am Flughafenfenster:Ein kurzer Moment, der den Blick verändert, bevor es weitergeht.

Rund 50.000 Menschen studieren in Düsseldorf. Viele von ihnen schreiben irgendwann Zeugnisse, Prüfungen, bekommen Noten und Leistungsnachweise. Ein Zeugnis ist immer eine Bestandsaufnahme.Es hält fest, wo jemand steht; im Wissen, im Können, im Leben. Auch die Heilige Schrift, die Bibel, ist ein Zeugnis, ein Zeugnis vom Wort Gottes. Menschen haben darin ihre Erfahrungen mit Gott festgehalten. Oft wird beim Glauben gesagt, das sei etwas rein Subjektives, etwas Gefühliges. Und dann stellt man ihm das Objektive gegenüber. Ich finde, das greift zu kurz. Wann immer Wahrheit etwas mit dem Leben zu tun hat, stehen lebendige Menschen im Mittelpunkt.Der Glaube ist mehr als Wissen. Er ist ein Wissen, das mich fordert, mein Leben verändert und mich selbst zum Zeugen macht. Zugleich braucht der Glaube Demut vor dem Wissen.Er weiß um die Wirklichkeit Gottes und darum, dass dieses Zeugnis helfen kann, das eigene Leben zu gestalten. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diese Haltung ist Blaise Pascal, der französische Mathematiker und Philosoph. Er machte im Jahr 1654 eine tiefe Glaubenserfahrung und hielt sie auf einem kleinen Pergamentstreifen fest, den er bis zu seinem Tod bei sich trug.Der Text lautet: „Jahr der Gnade 1654, Montag, den 23. November. Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht: Feuer, Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit, Empfinden, Freude, Friede, der Gott Jesu Christi. Dein Gott ist mein Gott.Er ist allein auf den Wegen zu finden, die das Evangelium lehrt. Größe der menschlichen Seele, gerechter Vater. Die Welt kennt dich nicht, ich aber kenne dich.Freude, Freude, Freude, Freudentränen. Das aber ist das Ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen. Jesus Christus, Jesus Christus, ewige Freude für einen Tag der Mühe auf Erden.“Das ist Blaise Pascals Glaubenszeugnis. Und jedes Zeugnis beschreibt einen Istzustand, auch im Glauben. Er darf wachsen, sich vertiefen, sich verändern, wie ein gutes Zeugnis im Leben.Eines aber bleibt. Christlicher Glaube entsteht aus Begegnung. Wer das erfahren hat, wird anderen den Glauben nicht überstülpen wollen.Zeugnis geben heißt, ein Angebot machen. Als Hochschulpfarrer erlebe ich, wie wichtig solche Zeugnisse sind. Nicht nur auf dem Papier, sondern eben durch Menschen. Menschen, die Orientierung geben, die zeigen: Glaube ist kein abgeschlossenes Wissen, sondern ein Weg, der trägt.

Vor 81 Jahren fiel die Atombombe auf Hiroshima. Wenn das Licht ausgeht, ist es dunkel. Ein heller Lichtblitz zerstörte eine ganze Stadt mit ihren Menschen.Wenn das Licht ausgeht, ist es dunkel. "Kam, kam, kam ein Licht. Wollt leuchten, wollt leuchten."Diese Zeilen stammen von Paul Celan. Und sie haben etwas sehr Menschliches in uns. Dunkelheit kann Angst machen. Sie nimmt uns den Blick in die Zukunft. In die Zukunft zu schauen, ist immer riskant. Aber das mussten die Menschen nach diesem Blackout. Es gibt Unwägbarkeiten, Entwicklungen, die wir nicht beeinflussen können, in denen wir Opfer sind. Und solche, die uns überraschen: Wissenschaftliche Prognosen, gesellschaftliche Trends und unsere eigenen Pläne. Manches trifft ein, manches nicht. Die Geschichte des Menschen ist nie linear. Sie ist immer geprägt von Unvorhersehbaren.Verantwortung zu übernehmen bedeutet, den Blick auf das Kommende zu richten. Veränderungen, Rahmenbedingungen, Entwicklungen nüchtern zu prüfen und zugleich den Blick für Gottes Gegenwart in unserem Leben nicht zu verlieren. Denn das ist die Erfahrung des Volkes Gottes. Immer wieder bricht Gott die Geschichte auf, überrascht uns. Und Christus selbst war eine solche Überraschung. Lange erwartet und doch anders, als die Menschen es sich vorgestellt hatten.Der Apostel Paulus schreibt: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Ein Bild für Hoffnung mitten in der Dunkelheit. Und vielleicht auch ein Bild für uns. Wenn wir warten, ist es manchmal besser, nicht starr zu verharren, sondern auf die Schritte Gottes zuzugehen, die uns entgegenkommen. Für die Zeiten der Dunkelheit gibt Gott uns kleine Lichter mit auf den Weg. Sie helfen uns weiterzugehen, uns nicht zu verlieren und die Richtung zu behalten. Diese Lichter sind Begegnungen, Hoffnungen, Mut, kleine Zeichen, an denen wir spüren, du bist nicht alleine. Vielleicht ist das die wichtigste Erfahrung: Wer bereit ist, sein Herz zu öffnen, wer die kleinen Lichter wahrnimmt, der kann Gott begegnen, mitten in der Dunkelheit, mitten im Alltag. Denn das Licht kommt auf uns zu, auch wenn wir es nicht immer vorhersehen können. Und so bleibt: immer wieder aufbrechen, Licht suchen, den Blick öffnen und dem Licht erlauben, uns zu führen.

Um zu verstehen, was Chaos bedeutet, reicht manchmal ein Blick auf einen Schreibtisch, ehrlicherweise sogar manchmal auf meinen eigenen. Aber auf der anderen Seite ist das, was das Wort Chaos angeht, eigentlich harmlos. Denn Chaos ist mehr als die Unordnung auf dem Schreibtisch.Sprachforscher führen das Wort Chaos auf das Griechische zurück, verwandt mit dem Bild eines gähnenden Abgrunds. Chaos ist das, wo der Boden fehlt, wo alles ins Rutschen gerät. In der Bibel hat dieses Chaos ein berühmtes Bild, das Meer.Darum spricht das Markus-Evangelium nicht einfach vom See von Kafarnaum, sondern ganz auffällig vom Meer. Das ist kein Urlaubsbild, kein Strandkorb. Das Meer steht für ihn, für Gewalt, für Bedrohung, für diesen Abgrund.Und genau dort sitzen die Jünger im Boot. Der Sturm tobt, Orientierung geht verloren, Lebensgefahr, Chaos pur. Solches Chaos kennen wir auch nach einem Verlust, nach einer Trennung, nach einem beruflichen Scheitern oder mitten in einer schweren Krankheit; Momente, in denen man keinen Ausweg mehr sieht. Der Abgrund ist nah. Das ist Chaos.Die Bibel nennt diesen Zustand auch Tohuwabohu, ungeordnet, haltlos, schutzlos. Und dort beginnt Gottes Schöpfung. Schweig, sei still, mit diesen Worten setzt Jesus dem Chaos eine Grenze.Gott schafft Kosmos. Aus Tohuwabohu wird Ordnung, aus Sturm wird Stille. Bemerkenswert an der Bibelstelle: Jesus schläft zunächst auf dem Boot.Kein hektisches Eingreifen, kein panischer Aktionismus. Er ruft nicht aus der Situation heraus. Er ruft zur Gestaltung, zum Innehalten, zum Vertrauen.Das Wunder, das Zeichen besteht nicht nur darin, dass der Sturm sich legt, sondern darin, dass Gott mitten im Chaos gegenwärtig ist. Paulus sagt es so: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Vielleicht ist das die entscheidende Frage: Wie kann ich mit ihm auch mein Chaos gestalten und zum Kosmos werden lassen? Wie kann ich lernen, nicht nur in den Abgrund zu starren, sondern mit Christus neue Ordnung, neue Hoffnung, neues Leben zu wagen? Denn Gott spricht nicht nur über das Chaos. Er spricht mitten hinein und es wird still.